«Wir fanden keine Anzeichen, dass uns die Arbeit ausgeht»

Ein Forschungsteam des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung und des Beratungsbüros Infras hat untersucht, wie sich die Digitalisierung zwischen 2006 und 2015 auf den Schweizer Arbeitsmarkt ausgewirkt hat.

Illustration von Fiona Kopp, 3. Lehrjahr Fachklasse Grafik, Schule für Gestaltung, St. Gallen (© EHB)

Illustration von Fiona Kopp, 3. Lehrjahr Fachklasse Grafik, Schule für Gestaltung, St. Gallen (© EHB)

Interview: Lucia Probst



Jürg Schweri, wie viele Jobs hat uns in der Schweiz die Digitalisierung seit 2006 gekostet?


Das lässt sich mit den bestehenden Daten nicht exakt feststellen. Unsere Studie zeigt aber, dass vor allem die aus technischer Sicht automatisierbaren Tätigkeiten wegfielen. Doch es kamen mehr neue Jobs dazu. Seit 2006 hat in der Schweiz die Beschäftigung um 12,7 Prozent zugenommen – in Vollzeitstellen gerechnet.



Und doch geht die Angst vor der Digitalisierung um. Ist sie berechtigt?


Wir fanden keine Anzeichen dafür, dass uns die Arbeit ausgehen wird. Sicher, die Berufe verändern sich, vor allem manuelle Tätigkeiten werden automatisiert. Es entstehen aber dank des technischen Fortschritts auch neue Tätigkeiten und Stellen. Entsprechend müssen sich Arbeitnehmende bemühen, à jour zu bleiben. Und Betriebe müssen sich bemühen, ihre Mitarbeitenden weiterzubilden.



Sie haben Expertinnen und Experten dazu befragt, wie sich Berufe verändern. Was hat Sie am meisten überrascht?


Sehr spannend fand ich zu sehen, wie die technologischen Möglichkeiten die Berufswelt zunehmend beeinflussen – und zwar in den verschiedensten Berufen. In vielen Berufen setzt man zum Beispiel Tablets ein, dies jedoch oft sehr berufsspezifisch. Deshalb muss auch so geschult werden. Faszinierend ist auch, dass gute Berufsleute sich vor allem durch den richtigen Skillmix auszeichnen. Es braucht nicht nur Fachwissen oder nur soziale Kompetenz. Um die Kundinnen und Kunden zufriedenzustellen, muss ich beides optimal verbinden können. Und das bei einer stets zunehmenden Produktevielfalt, neuen Kundenbedürfnissen und neuen Kommunikationsmöglichkeiten.



Ihre Studie zeigt, dass vor allem gut Qualifizierte gute Aussichten haben. Was heisst das für die andern?


Der Arbeitsmarkt in der Schweiz hat sich – anders als in andern Ländern – punkto Lohn nicht polarisiert. In den USA beispielsweise ist das ein grosses Thema, dort wächst der Tieflohnbereich auf Kosten des Mittelstandes. Bei uns gibt es zwar weniger Stellen im mittleren Lohnbereich, dafür deutlich mehr gut bezahlte Tätigkeiten, während die Beschäftigung im Tieflohnbereich eher rückläufig ist. Wir beobachten in der Schweiz also ein generelles Upskilling der Bevölkerung, das ist eine gute Nachricht. Trotzdem befinden sich auch bei uns Personen ohne Berufsabschluss und jene, die in stark rückläufigen Bereichen tätig sind, teilweise in einer prekären Situation.



Blicken wir nach vorne: Was erwartet uns in den nächsten zehn Jahren?


Welche der vielen neuen Technologien sich am Markt durchsetzen und wie dies einzelne Berufe beeinflussen wird, weiss niemand. Es bleibt ein schneller, aber doch kontinuierlicher Prozess, der den Arbeitsmarkt verändert.



Was heisst das für die Berufsbildung?


Die Berufsbildung ist ein sehr gutes System, weil die Lernenden im Betrieb die neusten Technologien kennenlernen. Für die Bildungsverordnungen zu den einzelnen Lehrberufen heisst es aber, dass sie vermehrt technologieunabhängig verfasst sein sollten. Man kann auch nicht nur neue Inhalte in Ausbildungen reinpacken, sondern muss es auch wagen, alte Zöpfe abzuschneiden.



Werten Sie die Digitalisierung als Chance oder Gefahr für die Schweizer Arbeitswelt?


Was wir erleben, ist nicht neu. Neue Technologien haben Berufsfelder schon immer stark verändert. Viel gefährlicher wäre es wirtschafts- und sozialpolitisch, wenn wir nicht genügend Innovation hätten.



Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG


Weiterführende Informationen:
ehb.swiss/digitalskills


(Erstellt: 28. Juni 2018)

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