«Wir wollen, dass Sie Finanzesisch lernen»

Der 64-jährige Erwin Heri war treibende Kraft bei der Realisierung der Internetplattform fintool.ch. Deren Inhalte sind auf die Finanzausbildung ausgerichtet und vermitteln Wissen mittels Videos.

Mittels Kurzvideos bringt Fintool die Finanzausbildung kostenlos in die Haushalte. (Bild: Fotolia)

Mittels Kurzvideos bringt Fintool die Finanzausbildung kostenlos in die Haushalte. (Bild: Fotolia)

Interview: Fredy Gilgen


Erwin Heri, bezüglich Finanzwissen seien die Eidgenossen eigentliche Analphabeten, sagen Experten. Stimmt dieses harte Urteil?


Es scheint mir schon etwas hart. Vor allem, wenn man die Schweiz mit dem benachbarten Ausland vergleicht, wo die «financial literacy», wie man das auf Neuhochdeutsch nennt, oft noch magerer ist als bei uns.


Was hat Sie veranlasst, das magere Finanzwissen von Herr und Frau Jedermann verbessern zu wollen?


Ich selber bin Uni-Professor, einige meiner Kollegen sind Dozenten an anderen Hochschulen und Bildungsinstitutionen. Ausbildung gehört also irgendwie zu unserer Berufung. Im Übrigen haben wir alle, die wir uns für das Projekt engagieren, sowohl aus der Theorie als auch aus der Praxis relativ viel Wissen und Erfahrung zu Finanzmärkten und Finanzen allgemein angesammelt. Wissen, das wir gerne weitergeben.


Nach dem Hörsaal nun die Onlinemedien also?


Genau. Ich habe früher neben meinen Tätigkeiten in der Finanzindustrie Bücher im Bereich der Vermittlung von Anlage-, Finanz- und Wirtschaftswissen für jedermann geschrieben, heute sind es halt Videos. Die Motivation ist irgendwie also auch intrinsisch. Im Übrigen sind wir überzeugt, dass es nötig ist, dass Wissen von Mrs. und Mr. Everybody im Finanz- und Anlagebereich zu verbessern. Stichworte dazu sind: Tiefzinsumfeld, Demografie, angespannte Vorsorgesituation, Eigenverantwortung und so weiter.


Ein Teil Ihres Angebots stellen Sie gratis zur Verfügung, weshalb?


Wir glauben, dass es sich hierbei um eine Bringschuld der Finanzindustrie handelt. Dies ist mit ein Grund, weshalb wir zwei Videos pro Woche allesamt umsonst zur Verfügung stellen. Inzwischen sind es über 350 Spots mit Lehrstoff für über 20 Stunden. Daneben stellen wir in der Fintool-Academy Serien und Staffeln von Kurzvideos zu bestimmten Themen zusammen, die man als Online-learning-tools bearbeiten kann – kürzlich zum Beispiel eine Staffel bestehend aus zehn Kurzvideos zum Thema Bitcoin&Blockchain.


Wenn so vieles gratis ist, wie wird Fintool finanziert?


Wir sind ein nicht ganz klassisches Internet-Start-up. Nicht-klassisch einerseits wegen unserer Jahrgänge und andererseits, weil wir bis jetzt praktisch alles selber finanziert haben. Wir erhalten einen jährlichen Unterstützungsbeitrag von Swiss Life, können zu vorteilhaften Konditionen in den Fernsehstudios von TeleTop in Winterthur drehen und haben eine Projektfinanzierung für die Fintool App vom Zürcher Bankenverband erhalten. Die zweimal wöchentlich ausgestrahlten Videos und die App sind umsonst. Man kann sich gratis über die Homepage registrieren. Für die Mitgliedschaft in der Fintool-Academy verlangen wir aber einen Unkostenbeitrag von 8 Franken pro Monat. Ansonsten ist alles selbstfinanziert.


Wie ist der Anklang beim Publikum?


Wir bekommen ausgesprochen positives Feedback. Zudem wachsen wir mit zwischen 100 und 200 Gratis-Registrierungen im Monat und haben schon über 10 000 registrierte Kunden auf Webseite, Youtube-Kanal und App.


Dort, wo es etwas kostet, läuft es hingegen weniger gut?


Ja, die Abos auf der Fintool-Academy liegen etwas unter unseren Erwartungen. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass die Leute das Gefühl haben, die Gratis-Videos würden bereits alles abdecken. Die systematische Behandlung von speziellen Themen mit Videos aus unterschiedlichen Blickwinkeln und unter Kommentierung der Einzelvideos ist aber schon noch einmal etwas anderes.


Sie machen etwas, dass eigentlich Aufgabe der Schulen oder der Finanzbranche wäre. Werden Sie von der Öffentlichkeit und den Medien genügend wahrgenommen?


Die Beachtung in den Medien ist, nun ja, ... ok. Da wir kein Geld für Werbung ausgeben können oder wollen - es kommt ja alles aus der eigenen Tasche, und da schauen wir zweimal hin, bevor wir Geld ausgeben - sind wir einerseits auf Mund-zu-Mund-Propaganda angewiesen, andererseits auf ein wenig Goodwill von Seiten der Medien. Das klappt zum Teil. Auf der anderen Seite haben wir manchmal das Gefühl, teils als eine Art Konkurrenz angesehen zu werden. Und dort wird halt dann kaum über uns berichtet. Schade und ein völliges Missverständnis, das der Sache, der Verbesserung des generellen Finanzverständnisses, überhaupt nicht dient.


Und die Finanzindustrie steht Gewehr bei Fuss.


In der Tat hätten wir eigentlich mehr Unterstützung auch aus der Finanzindustrie erwartet. Die Geschichte mit der «Bringschuld» meinen wir wirklich ernst. Das scheint aber die Finanzindustrie mit wenigen Ausnahmen (noch) nicht so zu sehen. Eine der Ausnahmen ist Swiss Life, die unser Projekt im Kontext ihrer Corporate Social Responsibility (CSR) Initiative unterstützt. Dies im Sinne von: CSR heisst eben auch Verantwortung für die Kundschaft übernehmen, zum Beispiel für deren Verständnis im Bereich Geld und Anlagen.
Im Übrigen haben wir inzwischen unterschiedliche videobasierte Spezialserien und -staffeln für die Ausbildung der Berater von Finanzdienstleistern selbst lanciert. Auch dort steht es nämlich nicht überall zum Besten, was das Finanz- und das Anlagewissen angeht. Wir nennen das Projekt Fintool-Academy(plus).


Dafür gibt es wohl viele positive Rückmeldungen von den Nutzern?


Dem ist so. Viele Nutzer sind dankbar, dass man ihnen einmal oder wieder einmal in vernünftigen Worten und ohne allzu viel Fachchinesisch einige Zusammenhänge erklärt. Videokurse eignen sich dafür in hervorragender Art und Weise. Sie können sie bearbeiten, wo und wann auch immer sie Zeit und Lust haben. Auch wenn man halt nicht völlig um einen manchmal nicht ganz einfachen Jargon herumkommt. Deswegen lautet einer unserer Claims, «Wir wollen, dass Sie Finanzesisch lernen.» Äusserst dankbar sind die Nutzer ebenfalls, dass sie bei uns die entsprechenden Informationen unabhängig und neutral und ohne irgendwelche Produkt-Verkaufsideen erklärt bekommen.


Quelle: Tages-Anzeiger, Beilage BILDUNG


Weiterführende Informationen:
www.fintool.ch


(Erstellt: 30. Mai 2018)

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