«Wir wecken mit der Naturstimme eine Urkraft»

Seit gut zwölf Jahren unterrichtet Liselotte von Gunten in der Migros Klubschule die Kunst des Jodelns. Die wachsende Lust auf den herzhaften Jutz wird auch als Gegenbewegung zu einer stets komplexeren Welt wahrgenommen.

Jodeln – ein natürlicher Gegentrend zu Virtualisierung und Digitalisierung.

Jodeln – ein natürlicher Gegentrend zu Virtualisierung und Digitalisierung.

von Peter Wäch


«Holleri du dödel di. Ich mache jetzt mein Jodeldiplom». Der Loriot-Sketch aus den Siebzigern ist ein Klassiker. Wer in die Stunde von Liselotte von Gunten in die Klubschule Migros in Bern oder Thun geht, darf auch auf eine gesunde Portion Humor zählen. Bei der vitalen 63-Jährigen wird aber vor allem die hohe Kunst des Jodelns gelernt. Die Schweizer Tradition zieht immer mehr Leute in ihren Bann, Digitalisierung und Virtualisierung schaffen einen Gegentrend.


Barbara Steiner kommt schon länger in den Jodelkurs und behauptet: «Ich bin ein hoffnungsloser Fall.» Liselotte von Gunten widerspricht und beginnt die Stunde mit Lockerungsübungen, bei denen man sich zuerst mit beiden Beinen auf dem Boden erdet. Ihr Wahlspruch lautet: «Es gibt keine falschen Töne, nur eine falsche Zeit».


Auf dem Stundenplan steht mit «Obem Näbel» von Jakob Ummel ein Jodler-Hit. Steiners Stimme ist rund und kräftig, man hört den steten Einsatz. Ihre Lehrerin fasst freundlich, aber bestimmt nach: «Nit nachefingerle, den Mund runder machen und die Spannung halten. Man soll die Freude hören, die im Lied zum Ausdruck kommt, wenn sich der Nebel verzieht und die Sonne über die Hügel lacht.» Dann geht es einen Ton rauf und Barbara Steiner wird unsicher, ob sie das schafft. Von Gunten bleibt hartnäckig: «Wer jodelt, darf keine Angst vor dem nächsten Ton haben. Wir lassen den Bauch gehen und aktivieren die Naturstimme. Wir wecken eine Urkraft, die mittels Kehlkopf- und Zungenschlag zum Ausdruck gebracht wird.»


Einst eine Männerbastion


Liselotte von Gunten hat schon immer gerne gesungen. In Heiligenschwendi geboren, wuchs die Bernerin in Aeschlen ob Gunten auf, wo sie heute mit ihrer Familie lebt. Als Kind hat es ihr eine Schallplatte von Rüedi Rüegsegger angetan; eines Tages sang sie ein Lied von ihm in der Schule und hängte keck einen Jodler dran.


Bei den Eltern stiess ihr Vorliebe für den Gesang auf wenig Gegenliebe. «Ich lernte Köchin, sang aber alles mit, was am Radio gespielt wurde», blickt von Gunten zurück. Ihre Karriere als Jodlerin begann 1979 im Heimatchörli Thun. Der Gang durch die Männerbastion war nicht leicht, von Gunten erinnert sich: «Ich wurde von Hulda Rupp, der ersten Jodlerin im Chor, gefördert. Sie erkannte mein Talent, ich verdanke ihr viel.»


1989 wurde von Gunten Chormitglied bei den Flüeblüemli Oberhofen Hilterfingen. Die Absenzen des Chorleiters führten dazu, dass Liselotte einen Dirigentenkurs absolvierte und den Chor fortan leitete. 2001 holte sie eine klassische Gesangsausbildung bei Romy Dübener nach: «Ich durfte feststellen, dass ich über einen Koloratursopran verfüge.» Ein Wunsch wurde Wirklichkeit: Liselotte von Gunten stand in zahlreichen Operetten auf der Bühne. Die unregelmässigen Proben brachte die Sängerin wieder zurück zum Jodeln und in die Klubschule Migros.


Heute überwiegen Frauenb


Wer will heute das Juchzen und Schnalzen lernen? Liselotte von Gunten lächelt verschmitzt: «Meist kommen die Leute nach einem Jodlerfest, oder sie erfüllen sich einen lang gehegten Traum. Von 40 aufwärts sind alle Altersklassen vertreten, der Frauenanteil überwiegt.»


Von Gunten macht auch die Feststellung, dass gestandene Jodler oft «verbägget» sind: «Wer sich seinen Platz im Chor erschreien muss, läuft Gefahr, das Organ zu ruinieren. Gerade beim Mann muss die Stimme fein wie bei einem Knaben sein und darf nicht überstrapaziert werden.» Für die Fachfrau sind Männer, die jodeln, am ehesten mit den heutigen Countertenören vergleichbar, die einen Mix aus Brust- und Kopfstimme pflegen.


Von Gruppenunterricht hält Liselotte von Gunten nicht sehr viel. «Nach einem ersten gemeinsamen Singen stellt man schnell fest, dass es unterschiedliche Geschwindigkeiten gibt. Darum kommen die meisten meiner Schüler für Einzelstunden.» Sicher ist: Keiner verlässt den Raum ohne Jutz im Herz.


Weiterführende Informationen:
www.klubschule.ch


(Erstellt: 17. April 2018)

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