«Es gibt keine grössere Freude»

Immer mehr Frauen lassen sich während der Schwangerschaft, der Geburt und im Wochenbett von einer Hebamme betreuen. Wie man Hebamme wird und warum – Julia Caviezel erzählt.

Julia Caviezel übt bei Studienkollegin Nadia Bronzini den «Leopold-Handgriff», um die Lage des Kindes festzustellen.

Julia Caviezel übt bei Studienkollegin Nadia Bronzini den «Leopold-Handgriff», um die Lage des Kindes festzustellen.

von Irmgard Lehmann


Sie wollte etwas im Gesundheitsbereich machen. Das war für Julia Caviezel nach der Matura klar. Nach einem Praktikum in einem Altersheim und einem zweimonatigen Aufenthalt auf den Fidschiinseln, wo sie an einem freiwilligen Haifischprojekt teilnahm, wollte sie Ernährungsberaterin werden. Doch es kam anders. Obwohl Julia die Aufnahmeprüfung bestand, wurde sie auf eine Warteliste gesetzt. «Das war eine grosse Enttäuschung. Das erste Mal, dass ich etwas nicht geschafft hatte in meinem Leben – und gleichzeitig mein grosses Glück», sagt sie. Die Leiterin des Altersheims habe sie getröstet und ihr so überzeugend gesagt: «Julia du wirst Hebamme», dass sie nicht mehr gezögert habe.


Einige Schnuppertage im Spital und in einem Geburtshaus räumten letzte Zweifel aus. Julia bestand die Aufnahmeprüfung an der Fachhochschule und ist jetzt im zweiten Studienjahr. Im Februar wird sie an der Geburtsabteilung des Frauenspitals Bern ihr zweites zehnwöchiges Praktikum absolvieren. «Ich freue mich so auf weitere Geburten», sagt sie: «Es gibt keine grössere Freude, als wenn ein Kind gesund zur Welt kommt.» Bereits hat die junge Frau klare Vorstellungen: «Ich möchte die Frauen naturnah begleiten, mit alternativen Methoden und wenn möglich ohne Medikamente.»


Hebamme oder Arzt


Ist also die Präsenz einer Ärztin oder eines Arztes heutzutage ein Luxusmodell bei der Geburt? «Solange bei einer Schwangerschaft alles normal verläuft, ist die Hebamme fähig die Schwangere alleine zu betreuen», erklärt Julia Caviezel. Sie fände es für eine Frau schöner, wenn diese während der Schwangerschaft, bei der Geburt und danach von der gleichen Person begleitet werde. «Das schafft Zuversicht und kostet erst noch weniger.»


Verschiedene Studien haben tatsächlich ergeben, dass mit der Betreuung durch Hebammen weniger Untersuchungen und Interventionen durchgeführt werden als mit einem Arzt. Die Hebamme macht Urin- und Blutdruckuntersuchungen, kontrolliert den Bauchumfang, tastet Lage und Grösse des Kindes ab. Und die Vaginaluntersuchung? «Auch die gehört dazu», sagt Julia Caviezel.


Mehr als zwei Kinder


Die 23-jährige Studentin möchte deshalb das Hebammenmodell populärer machen: «Ich habe für das Interview ohne Zögern zugesagt, weil es mir am Herzen liegt, unseren Beruf bekannter zu machen.» Die junge Frau weiss, wo sie künftig arbeiten möchte: «Am liebsten in einem Geburtshaus.» Aber diese seien zurzeit noch rar. Warum? «Weil Häuser mit fünf, sechs Zimmern kaum rentieren.» Als Beispiel nennt sie die «Maternité Alpine» in Zweisimmen BE, die kürzlich eröffnet wurde. Daran beteiligt sind auch Dozentinnen der Berner Fachhochschule.


Und wie steht es mit dem eigenen Kinderwunsch? Julia ist sich mit ihrem Partner einig, dass sie kein klassisches Zwei-Kinder Modell haben möchten: «Wir wünschen uns eine grössere Familie.»


(Erstellt: 17. Februar 2018)

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