Nach wie vor ein Rätsel

Jedes Jahr erkranken in der Schweiz etwa 27'000 Menschen an Demenz. Unter den mehr als 50 Formen der Demenz ist Alzheimer die bekannteste und häufigste. Memorykliniken werden zu wichtigen Anlaufstationen.

Bei einem Demenzkranken ist das Alltagsgedächtnis gestört. - Fotolia

Bei einem Demenzkranken ist das Alltagsgedächtnis gestört. - Fotolia

Interview: Irmgard Lehmann


Frau Bopp, wo steht die Demenzforschung heute?


Die Ursache der Alzheimerdemenz ist nach wie vor ein Rätsel. Herausgefunden hat man lediglich, dass Eiweissablagerungen, das sogenannte Amyloid, vorhanden sind. Ob diese Ablagerungen aber tatsächlich allein verantwortlich sind für die Krankheit, ist immer noch nicht sicher. Zur Verminderung der Amyloidablagerungen gibt es Impfstoffe, die aber erst in der Forschung angewendet werden. Leider haben bisherige Studien noch keinen Durchbruch gebracht. Typischerweise schrumpft das Hirn von Demenzbetroffenen. Doch es gibt auch Menschen mit geschrumpften Hirnen,
die klinisch keine Zeichen einer Demenz aufweisen. Womöglich spielen noch andere Faktoren eine Rolle. Zurzeit laufen an der Universität Zürich erneut Studien. Die Hoffnung liegt in der frühzeitigen Erfassung der Patienten. Auch Stoffwechselstörungen,
Vitaminmangel, Durchblutungsstörungen, ein Tumor oder Nebenwirkungen von Medikamenten können sich wie eine Demenzerkrankung manifestieren. Es ist wichtig, diese behandelbaren Ursachen zu diagnostizieren.


Was sind die ersten Anzeichen?


Mühe mit Schreiben, das Suchen von Wörtern, merklich langsamer werden, die Unfähigkeit, an drei, vier Dinge aufs Mal zu denken. Bei Männern beispielsweise kann das Erstsymptom Probleme bei der Erledigung der Finanzen sein, und Frauen bewältigen grosse Einladungen wie Weihnachtsessen nicht mehr. Auch Depression ist oft ein erstes Symptom der Demenz. Wenn Patienten noch im Arbeitsprozess stehen, zeigt sich der Beginn der Erkrankung oft als Burn-out oder Depression.


Aber im Alter werden wir doch alle vergesslich?


Die normale Vergesslichkeit ist aber ganz anders als jene bei Alzheimer. Als ich kürzlich nach einer Radtour den Schlüssel verlegt hatte, wusste ich, dass ich den Helm getragen und in der Garage abgelegt hatte. Ein Demenzkranker hingegen könnte so etwas nicht mehr rekapitulieren. Das Alltagsgedächtnis ist gestört.


Demenzkranke bringt man kaum dazu, sich dem Vergessen zu stellen. Wie soll man vorgehen?


Die fehlende Krankheitseinsicht ist oft Teil der Demenzerkrankung. Man kann diesem Menschen ganz offen sagen, dass man sich Sorgen macht. Ihm aber auch mitteilen, dass vieles noch gut geht. Es ist ganz wichtig, dass das Leiden einen Namen hat. Und der Partner oder die Partnerin sollte wissen, wie sie sich zu verhalten hat: möglichst keine Argumentation und Hinweise auf die Defizite.


Wie klärt man ab?


Wir machen eine ärztliche und eine neuropsychologische Untersuchung mit MRI und Blutanalyse. Die Abklärung wird übrigens von der Krankenkasse übernommen. Wir beziehen auch die Angehörigen mit ein und betreuen sie zusammen mit den Hausärztinnen und -ärzten längerfristig weiter.


Warum legen Sie darauf so grossen Wert?


Für die Angehörigen ist ein Demenzkranker eine schwere Bürde. Betroffene sprechen oft auch über heikle Fragen, wie über Sexualität z.B. So sagte mir kürzlich eine Frau, dass ihr kranker Mann immer noch Sex wolle. Sie aber könne diesen Wunsch nicht erfüllen. Denn ihr Mann sei nicht mehr der Partner, der er einst war. Das sei für sie wie eine Vergewaltigung. Solche Gespräche können sehr befreiend sein.


Wann drängt sich eine Abklärung auf?


Wenn der Alltag schwierig wird oder wenn sich Angehörige Sorgen machen. Oftmals möchten Angehörige einfach nur Klarheit haben. Jüngere Menschen sollten den Schritt machen, wenn die Arbeitsleistung nicht mehr stimmt. Mit einer frühen Diagnose können viele Konflikte vermieden werden, und man kann das künftige Leben möglichst selbstbestimmt planen.


Die Demenz lässt sich nicht aufhalten. Kann man wenigstens selber zur Stabilisierung beitragen?


Alles, was der Seele gut tut, ist auch gut für das Gehirn. Musik, Sport, mediterran essen, soziale Kontakte pflegen, Gespräche führen, jedoch im kleinen Kreis, weil grössere Gruppen eher Stress auslösen.


Was halten Sie von Gedächtnistraining oder Kreuzworträtsel lösen?


Ein reines Gedächtnistraining bringt eher wenig, weil man mit den Defiziten konfrontiert wird, was stress-auslösend sein kann. Das Lösen von Kreuzworträtseln bringt bezüglich Hirnleistungssteigerung nicht so viel, weil mehrheitlich altes Wissen abgefragt wird. Sinnvoll können Spiele auf einem Tablet sein. Unter Anleitung einer Ergotherapeutin kann da viel Neues erlernt werden. Auch Musiktherapie stimuliert das Gedächtnis.


In der Schweiz gibt es etwa 150 000 Demenzkranke. 2040 werden es 300 000 sein. Jährlich kommen 27 000 hinzu. Wie steht es mit den Strukturen in der Schweiz?


Da gibt es noch einiges zu tun. Wir müssten mehr geschützte Arbeitsplätze haben. Denn für Demenzkranke ist der öffentliche Arbeitsmarkt eine Illusion. Ein gutes Beispiel ist ein 55-jähriger Patient, ein ehemaliger Techniker, der in einer geschützten Werkstatt mit einem Mann mit Trisomie arbeitet. Der Techniker ist manuell begabt, der Behinderte jedoch weiss wo die Dinge zu finden sind. So gibt das ein Team, das sich bestens ergänzt.


Als junge Ärztin haben Sie sich für die Geriatrie entschieden. Was hat Sie motiviert?


Neben dem Interesse an den Naturwissenschaften spürte ich auch ein soziales Verantwortungsbewusstsein. Zuerst war ich wesentlich am Aufbau der Geriatrie beteiligt. Und als man mich vor 20 Jahren gefragt hat, ob ich am Waidspital eine Memoryklinik aufbauen wolle, habe ich keine Sekunde gezögert. Am Anfang waren es wenige, heute aber klären wir pro Jahr 450 Patienten ab. Fast ein Drittel unserer Patienten sind unter 65 Jahre alt.


Weiterführende Informationen:
www.waidspital.ch


(Erstellt: 15. Februar 2018)

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