Erhellender Abend im Dunkeln

Sehende können im Restaurant blindekuh im Zürcher Seefeld einen Abend lang erahnen, wie es sich ohne Augenlicht lebt. Jean Baldo, der in der Administration und im Service arbeitet, weiss es, denn er ist blind.

Ein Diner in völliger Dunkelheit kann neue Sichtweisen eröffnen.

Ein Diner in völliger Dunkelheit kann neue Sichtweisen eröffnen.

Von Artur K. Vogel


«Wie hast Du gegessen?» fragt die Begleiterin, nachdem wir in der blindekuh in völliger Dunkelheit ein gediegenes Dîner zu uns genommen haben. Natürlich weiss ich, was sie meint: Der Gebrauch von Messer und Gabel wird, wenn man nichts sieht, zu einer verzweifelten Übung. Groteske Einlagen sind garantiert, wenn zum Beispiel das Fleisch über den (natürlich unsichtbaren) Tellerrand hinaus springt, Gemüse auf dem Boden landet oder man das Weinglas mit grosser Geste umkippt. «Mit den Händen», antworte ich und schäme mich ein wenig. «Mit beiden?» fragt sie. Ich gestehe: ja, mit beiden. «Ich nur mit einer», sagt sie, und ich fühle mich wie ein Neandertaler.


Wertvolle Arbeitsplätze


Wir hatten uns ein bisschen überwinden müssen, als wir an der Mühlebachstrasse 148 im Zürcher Seefeld ankamen. Einen Abend lang «Blinder» zu spielen, obwohl man im Voraus weiss, dass man eineinhalb, zwei Stunden später wieder sehen wird, schien uns anmassend und unangebracht. Doch Jean Baldo hat uns diese Hemmungen ausgeredet. Die Erfahrung müsse man einfach gemacht haben, fand er. Und zudem biete die blindekuh 30 Leuten eine Arbeitsstelle, die Hälfte von ihnen blind oder sehbehindert. Gäste seien deshalb höchst willkommen. Zumal der Betrieb zusätzliche Einnahmen gebrauchen kann. «Es ginge nicht, wenn unser Hauseigentümer, die Evangelisch-Methodistische Kirche, nicht einen sehr sozialen Mietzins angesetzt hätte», sagt der Leiter der Gastronomiebetriebe, Adrian Schaffner, der zugleich Betriebsleiter des Zürcher Lokals ist.


Tatsächlich sei die Stiftung blindekuh – die ein zweites Restaurant in Basel betreibt – «eine der grössten privaten Arbeitgeberinnen für Menschen mit einer Sehbehinderung», sagt Adrian Schaffner: «Mit unseren Restaurants und Kulturangeboten schaffen wir wertvolle Arbeitsplätze. Wir fördern den Dialog zwischen Sehenden und Nicht-Sehenden, und wir bieten unseren Besuchern neue Sichtweisen.»


Laufbahn trotz Behinderung


Der Dialog mit Jean Baldo ist auf jeden Fall aufschlussreich. Seine Behinderung hat ihn nicht an einer beachtlichen Laufbahn in der Hotellerie und Gastronomie gehindert. Bei blindekuh absolvierte er schon Service-Praktika, als er die Hotelfachschule Belvoirpark in Zürich besuchte. Danach war er zehn Jahre lang, von 2003 bis 2013, im altehrwürdigen Fünfsterne-Hotel Waldhaus in Sils-Maria tätig.


Dass man als Telefonist arbeiten kann, wenn man nichts sieht, kann sich ein Sehender noch knapp vorstellen. Aber danach war Jean Baldo jahrelang Concierge. In der Luxushotellerie ist der Concierge eine Schlüsselperson, denn er muss einerseits die Hotelhalle überwachen, anderseits die Wünsche von Gästen erfüllen, von den einfachsten, wie etwa einem Taxi zum Flughafen oder einem Tisch im Gourmetrestaurant, bis zu den ausgefallensten, und das alles unter Wahrung der Diskretion. «Alles hören, alles sehen, nichts verlauten lassen» sollte er, heisst es bei Wikipedia.


Ein Blinder, der «alles sieht»


Wie aber kann man als Concierge «alles sehen», wenn man gar nichts sieht? Es habe da kleine Hilfsmittel gegeben, antwortet Jean Baldo: Zum Beispiel waren die Zimmerschlüssel auch in Blindenschrift angeschrieben. Die Gäste habe er nach kurzer Zeit an ihren Stimmen, ihrer Sprache, am Parfüm oder After Shave erkannt. Und er sei bei ihnen auch auf viel Verständnis gestossen.


Obwohl er jetzt seit vier Jahren eine 80%-Anstellung in der blindekuh hat, fühlt sich der 42-Jährige weiterhin zur Hotellerie hingezogen: Als eine Art Botschafter sucht er die Concierges von Zürcher Häusern auf und erzählt von den Angeboten seines Lokals, wo man nicht nur im Dunklen tafeln kann, sondern wo auch Chanson-Abende stattfinden, Diner-Krimis aufgeführt und Bier-Degustationen abgehalten werden oder man auf einem Sinnes-Parcours im Dunklen «alle Sinne erproben kann, ausser dem Sehen natürlich», wie Baldo lachend sagt. «Concierges sind immer auf der Suche nach neuen Ideen»; das weiss er aus eigener Erfahrung.


Für Sehende verborgen


Nicht nur für Touristen, auch für Zürcher bietet blindekuh zudem sogenannte City Walks an. Blinde und sehbehinderte Guides führen Gruppen von sechs bis maximal 15 Teilnehmern auf zweistündigen Touren durch ein Zürich, wie man es sonst nicht kennt, erzählen ihre Geschichte und lenken die Blicke auf Dinge, die Sehenden normalerweise verborgen bleiben.
Als wir aus dem stockdunklen Restaurant kommen, ist draussen stockdunkle Nacht, doch wir sind froh, dass wir wieder sehen. Und wir sind dankbar für die erhellenden Erfahrungen dieses Abends.


Quelle: Tages Anzeiger, Beilage "BILDUNG"


Weiterführende Informationen:
www.blindekuh.ch


(Erstellt: 5. Dezember 2017)

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