Ausstieg aus dem Berufsleben in eigener Regie

Das Pensionsalter rutscht nach oben, weil die Menschen im Schnitt immer älter werden, und dies meist bei guter Gesundheit. Damit ergeben sich viele Möglichkeiten der individuellen Laufbahngestaltung ab der Lebensmitte.

Von Regula Zellweger


Wer an seine Pensionierung denkt, hat oft mehr als eine Seele in seiner Brust. Einerseits freut man sich auf ein Leben, das unabhängig von einem Arbeitgeber gestaltet werden kann. Man freut sich auf Dinge, von denen man oft über Jahre sagte: «Wenn ich einmal pensioniert bin, dann…». Anderseits hat man Ängste. Angst vor fehlenden sinnstiftenden Elementen, Angst vor Langeweile, vor Einsamkeit. Denn in der Schweiz definiert man sich stark über die berufliche Identität und über erbrachte Leistung. Zudem finden im Berufsleben oft mehr soziale Kontakte statt als im Privatleben.


Gewonnene Zeit neu gestalten


Für das Pensionsalter gilt es, die persönlichen Werte zu priorisieren und darauf aufbauend ein neues Lebenskonzept zu entwickeln. Um dieses konkret gestalten zu können, wird man sich bewusst, was man generell möchte: Frühpensionierung, das Leben geniessen, solange man fit und leistungsfähig ist; nochmals etwas Neues aufbauen, wofür mit 70 vielleicht die Motivation fehlen würde; einen klaren Schnitt machen am Tag des Erreichens des Pensionsalters und erst einmal die «Leere» zulassen, um entscheiden zu können, was man nun tun und sein möchte; aus dem Erwerbsleben stufenweise aussteigen oder so lange wie möglich im Erwerbsleben bleiben? Wie gestaltet man in Zukunft die Zeit, die statt der Arbeitszeit zur freien Verfügung steht?


Nicht nur eine Frage des Geldes


Googelt man «Pensionierungsvorbereitung», gelangt man auf die Seiten vieler Anbieter im Finanzbereich. Die Angst vor Altersarmut ist nicht unbegründet. So sollen in der Schweiz 23,4 Prozent der Rentner weniger als die Hälfte eines Durchschnittsgehalts erhalten. Gedanken über die finanzielle Situation nach der Pensionierung soll man sich spätestens ab der Lebensmitte machen. Da es verschiedene Möglichkeiten der Vorsorge gibt, lohnt es, sich von mehreren Fachpersonen beraten zu lassen, zu vergleichen – und dann eine Entscheidung zu treffen. Eine Auseinandersetzung mit dem Austritt aus dem Erwerbsleben ist aber bei weitem nicht nur eine Frage der Finanzen.


Sich mit Kursen vorbereiten


Das Thema «Pensionierungsvorbereitung» liegt in der Luft. Nicht nur Bildungsanbieter schreiben Kurse aus, auch Arbeitgeber eröffnen ihren Mitarbeitenden die Möglichkeit, betriebsintern Kurse zu besuchen. Die Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin Sibylle Gebert arbeitet für die Beratungsdienste für Ausbildung und Beruf – ask! im Kanton Aargau. Sie führt Kurse unter dem Titel «Beruflich nochmals durchstarten» einerseits für die breite Öffentlichkeit, anderseits für den Bund durch. Sie erzählt: «Unsere Kursteilnehmenden beschäftigen Fragen wie: ‹Was kann – und was will ich noch tun?› Wir suchen mit den Kursteilnehmenden motivierende Vorbilder, überprüfen Träume, Wünsche und Ideen auf ihre Realisierbarkeit und erstellen einen Massnahmenplan.» Selbstverständlich kann man sich jederzeit im Pensionierungsvorbereitungsprozess von einer ausgewiesenen Fachperson, von spezialisierten Laufbahnberatern und Coaches, beraten lassen.


Die Einstellung überdenken


Prägend für die Befindlichkeit rund um die Pensionierung sind Grundeinstellungen. Wer Arbeit generell für ein notwendiges Übel hält und viele Jahre ausschliesslich für die Lohntüte gearbeitet hat, wird möglichst schnell aus dem Erwerbsleben aussteigen. Vielleicht gibt es aber ein böses Erwachen, wenn es plötzlich schwierig wird, soziale Kontakte zu pflegen und die Tage sinnvoll zu strukturieren und befriedigend zu gestalten.


Ein anderer prägender Aspekt ist das Bild, das man vom Altern hat. Hat sich ein Defizit-Modell im Kopf festgesetzt und wähnt man sich bereits mit einem Bein im Altersheim? Oder sieht man sich gesund, fit und zufrieden über viele Jahre den Alterungsprozess konstruktiv annehmen und das Leben erfüllend gestalten? Es lohnt sich, seine Einstellung zur Pensionierung bewusst so zu formen, dass sie aufbauend und motivierend wirkt. Unnötige Ängste bewirken, dass man die Palette von Möglichkeiten bewusst oder unbewusst selbst einschränkt. Mit dem Älterwerden bekommt die Gesundheit einen immer höheren Stellenwert. Vorsorge für die eigene Gesundheit gehört unabdingbar zur Pensionierungsvorbereitung.


Zufriedenheit als Ziel


Den Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand kann man als Projekt angehen, wobei man die Projektleitung selbst übernimmt. Zielsetzungen sind Zufriedenheit bis ins hohe Alter und Strategien für konstruktiven Umgang mit Problemen.


Sinnstiftende Tätigkeiten finden Pensionierte oft in der Freiwilligenarbeit, meist in der Wohngemeinde. So sichern sie den Kontakt mit anderen Menschen und schaffen ein Zugehörigkeitsgefühl. Auch bei der Pro Senectute kann man sich über Themen informieren, die nach der Pensionierung aktuell werden könnten.


Berufsverbände und andere Institutionen reagieren, so der Kaufmännische Verband Schweiz: Dorothea Tiefenauer, Leiterin Marketing und Kommunikation, rät: «Spätestens ab Mitte 50 sollte man eine berufliche Standortbestimmung vornehmen und die finanzielle Situation für das Leben nach der Erwerbstätigkeit überprüfen. Auch deshalb haben wir vom Kaufmännischen Verband den Ratgeber Generation 45 plus lanciert.»


Neuer, positiver Abschnitt


Wer das «Ich-Projekt» Pensionierung strukturiert angehen will, kann sich also auch von Publikationen inspirieren lassen. Idealerweise gestaltet man den Pensionierungsprozess nicht in der Richtung «vom Erwerbsleben weg», sondern auf einen neuen, positiven Lebensabschnitt zu, denn auf etwas Erwünschtes hinzuleben macht viele positive Energien frei.


Quelle: Tages Anzeiger, Beilage "BILDUNG"


Weiterführende Informationen:
www.kfmv.ch/Ratgeber


(Erstellt: 1. Dezember 2017)

Top Weiterbildungsanbieter

Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait