Dringend gesucht

Viele kleine und mittlere Unternehmen in der Schweiz haben Mühe, offene Stellen zu besetzen. Das hat eine Studie von Mitte 2017 ergeben. Doch in den einzelnen Branchen herrschen erhebliche Unterschiede.

Von Artur K. Vogel


Der Direktor eines Fünfsternehotels im Berner Oberland beklagt sich, wie schwierig es sei, geschultes Personal für den Service und die Administration zu finden. Eine IT-Firma in Dietikon ZH ist auf der verzweifelten Suche nach Informatikern, die sich im Bereich IT-Sicherheit spezialisiert haben: «das grosse Thema der Zukunft», wie der Firmenchef meint, denn mit der rasant zunehmenden Automatisierung und Computerisierung nehmen auch die Sicherheitsrisiken zu. Sogar Banken und Versicherungen bekunden Mühe, geeignete Leute zu rekrutieren.


In der Schweiz ist die Nachfrage nach qualifiziertem Personal grösser als das Angebot auf dem Arbeitsmarkt, das ist das Ergebnis einer Studie der Credit Suisse unter dem Titel «Strategien gegen den Fachkräftemangel», die im Sommer 2017 veröffentlicht wurde. Dabei «stellen qualifizierte Mitarbeitende und Fachkräfte die wichtigste Stütze für die Prosperität der Schweizer KMU dar», heisst es in der Studie weiter. Vor diesem Hintergrund bekomme die Diskussion um den Fachkräftemangel ein besonders grosses Gewicht.


1900 Firmen wurden für die Studie befragt; Über die Hälfte von ihnen erklärte, nur mit Mühe qualifiziertes Personal zu finden, «vor allem in Bezug auf fachtechnische Fähigkeiten sowie Führungs- und Projektmanagementkompetenz».


Rechnet man dieses Ergebnis auf die ganze Schweiz hoch, so dürften «gut 90'000 KMU unter akutem Fachkräftemangel leiden».


Ingenieure, Informatiker fehlen


Dabei gibt es erhebliche Unterschiede. Besonders gross ist der Mangel an Ingenieuren, Technikern, Informatikern. Auch auf Stufe Management ist die Nachfrage grösser als das Angebot. Im Gesundheitswesen herrscht ein Notstand, ebenfalls bei Erziehung, Unterricht und, eher überraschend, bei Sozial- und Geisteswissenschaften. Ebenso überraschend ist, dass das Gastgewerbe sowie die Bauwirtschaft – die beiden Branchen also, die sich am lautesten beklagen – angeblich unterdurchschnittlich betroffen sind.


So oder so: Die Situation wird sich noch verschärfen. Denn die bevölkerungsstarke Babyboomer-Generation geht in den nächsten Jahren in Rente; eine immer grösser werdende Zahl von Stellen muss neu besetzt werden. KMU «werden nicht darum herumkommen, sich an die demografische Alterung und die daraus resultierenden Konsequenzen anzupassen», heisst es dazu in der Studie.


Eigentlich wäre die logische Folge, qualifizierte Mitarbeitende über das gesetzliche Pensionsalter hinaus zu beschäftigen. Doch die meisten Firmen sind zu dieser Massnahme noch nicht bereit. «Lediglich knapp jedes vierte KMU setzt (…) auf diese Massnahme, um den Fachkräftebedarf zu sichern», heisst es dazu. Da ist offensichtlich noch ein längerer Lernprozess notwendig.


Die sich anbahnende Digitalisierung erweist sich dabei als zweischneidiges Schwert: Einerseits kann die Automatisierung von Tätigkeiten, welche heute noch von Fachleuten ausgeführt werden, tatsächlich zu einer gewissen Entspannung auf dem Arbeitsmarkt führen und die demografisch bedingten Lücken teilweise kompensieren. Die Studie schätzt, dass mehr als die Hälfte aller Arbeitsstellen in der Schweiz ein mittleres oder hohes «Automatisierungspotenzial» haben.


Doch wohin die Digitalisierung tatsächlich führen wird, darüber kann man heute nur spekulieren. Sicher ist, dass sie «die Tätigkeitsprofile vieler Berufe stark verändern wird». Der Bedarf an hochspezialisierten Arbeitnehmern dürfte sich in gewissen Bereichen sogar noch erhöhen.


Lieber Lehre als Gymnasium


Paradoxerweise trägt nach Meinung vieler Unternehmer auch das Schweizer Bildungssystem, das an sich einen exzellenten Ruf geniesst, zum Fachkräftemangel bei, weil es zu wenig Berufsleute ausbildet: «64% der Schweizer KMU wünschen sich, dass künftig mehr junge Menschen als heute eine Berufslehre anstelle des gymnasialen Bildungswegs wählen und sich dann gegebenenfalls via Fachhochschule oder höhere Fachschule weiterbilden», heisst es in der Studie.


Quelle: Tages Anzeiger, Beilage "BILDUNG"


(Erstellt: 2. Dezember 2017)

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