Maschinen mit menschlichen Fähigkeiten

Alle sind sich einig: Digitalisierung und Automatisierung werden Leben und Arbeit tiefgreifend verändern. Nicht einig ist man sich darüber, ob es mehr oder weniger Arbeit geben wird. Und welche.

Anders als bei früheren industriellen Umwälzungen können sich Maschinen heute auch "menschliche" Fähigkeiten aneignen.

Anders als bei früheren industriellen Umwälzungen können sich Maschinen heute auch "menschliche" Fähigkeiten aneignen.

Von Artur K. Vogel


«Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.» Dem berühmten Satz, einmal Mark Twain in den Mund gelegt, dann Winston Churchill oder auch Kurt Tucholsky, lässt sich nichts entgegenhalten. «Ich denke, dass es weltweit einen Bedarf für vielleicht fünf Computer gibt» – diesen Satz soll IBM-Chef Thomas J. Watson 1943 gesagt haben. Der deutsche Trendforscher Matthias Horx prophezeite 2005: «Von Facebook wird in fünf bis sechs Jahren kein Mensch mehr reden.» Damals hatte Facebook weltweit sechs Millionen Nutzer; im Juli 2017 verkündete Mark Zuckerberg, dass jetzt mehr als zwei Milliarden seine Plattform nutzten.
Auch Zukunftsszenarien der 1960er-Jahre wirken heute komisch: 2017 gibt es noch immer keine fliegenden Autos; Menschen können sich nicht von einem Ort zum andern beamen; die Apokalypse hat nicht stattgefunden. Erinnern Sie sich an den sogenannten Millenium Bug? Aufgrund eines Fehlers in zahllosen Programmen sollten am 1.  Januar 2000 um 00:00 Uhr Computersysteme zu Zehntausenden abstürzen oder verrückt spielen. Medien schürten gegen Ende 1999 die Hysterie; Katastrophenszenarien wurden durchgespielt. Es geschah exakt – nichts.


Nur Spekulationen


Prognosen und Prophezeiungen, mit anderen Worten, sind mit Skepsis zu interpretieren. Das gilt auch für Vorhersagen darüber, wie die Digitalisierung unser Leben und unsere Arbeit verändern wird, zumal auch Fachleute nur darüber spekulieren können. Optimisten verweisen darauf, dass jeder industrielle Entwicklungsschub mehr, nicht weniger Arbeit gebracht habe; Pessimisten fürchten, dass Kapitaleigner einen Frontalangriff auf Arbeitsplätze und Löhne starten werden. In jedem Fall ist die Digitalisierung eine gewaltige Herausforderung.
Tatsache ist, dass die Menschen bei jeder Entwicklung um ihren Erwerb bangten: Anfang des 19. Jahrhunderts zerstörten Maschinenstürmer, zum Beispiel im Zürcher Oberland, mechanische Webstühle. Doch am Ende brachte die Industrialisierung mehr, nicht weniger Arbeit. Als sich in den 1980er-Jahren die Computer auszubreiten begangen, führte das nicht zur befürchteten Massenarbeitslosigkeit von Büropersonal.


Hälfte der Stellen gefährdet?


Denn bisher hatten neue Technologien stets zwei Effekte: Einerseits rationalisierten sie Stellen weg. Sie verbilligten aber auch die Produktion, wodurch den Konsumenten mehr Mittel für den Kauf von Waren blieben, deren Produktion wiederum neue Arbeitsstellen schuf. Ein Beispiel ist der ungeheure Aufschwung der Automobilproduktion ab den 1950er-Jahren, ein anderes der Handy- und Gadget-Boom unserer Tage.
Doch möglicherweise wird dieser Mechanismus diesmal nicht mehr spielen. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls eine Studie von Carl Benedikt Frey und Michael Osborne von der Universität Oxford: Sie schätzen, dass in den nächsten 25 Jahren 47 Prozent der Stellen in hochentwickelten Ländern verschwinden werden.
Früher verloren zwar, als Beispiel, Hufschmiede ihre Arbeit, konnten sich aber zu Mechanikern umschulen lassen; Maschinensetzer wurden zu Layoutern, und so weiter. Was heute bevorsteht, ist anders: Die bevorstehende technologische Revolution, «Industrie 4.0» genannt, könnte die menschliche Arbeitskraft vollständig ersetzen, nicht nur verlagern.
Denn Maschinen eignen sich heute auch vermeintlich «menschliche» Fähigkeiten an: Software sucht, viel treffsicherer als jeder Arzt, Röntgenbilder nach Tumoren ab. Lextech-Startups bieten heute schon, ähnlich wie Fintech-Firmen, digitalisierte juristische Dienstleistungen zu einem Bruchteil des Preises an, den Anwälte verrechnen. Finanz-Start-ups lassen Computer Anlagedepots zusammenstellen oder Immobilienkredite prüfen. Daten auf Papier, deren Bearbeitung Zehntausende beschäftigt hat, werden abgeschafft.
Wer sich im Büro noch sicher fühlt, könnte bald eines besseren belehrt werden: Für Personal- und Vertriebsabteilungen, Sekretariate, Einkauf, Controlling und andere kaufmännische Abteilungen haben Frey und Osborne eine Hiobsbotschaft: Neun von zehn Bürojobs, meinen sie, werden überflüssig.
Erst recht sind einfache Dienstleistungsjobs gefährdet, die bisher geringer Qualifizierten eine Chance boten: Roboter putzen automatisch, sie sortieren Briefe und Pakete, liefern diese aus, bringen Spitalpatienten das Essen ans Bett. Und was noch nicht von Maschinen erledigt wird, lagert man in Billigländer aus: Programmieren, Korrigieren, Übersetzen, Call-Center.


Wie man konkurrenzfähig bleibt


Stellt sich also die bange Frage, wie und in welchen Berufen man als Mensch konkurrenzfähig bleiben kann. Oxford-Professor Frey nannte in einem Interview mit «Business Insider» drei Kernbereiche:
Erstens Kreativität: «Je kreativer man in einem Job sein muss, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser von Computern erledigt werden kann. Ein Modedesigner beispielsweise wird seinen Job nicht so schnell verlieren wie ein Justizangestellter.»
Zweitens Aufgaben, die soziale Intelligenz erfordern: «Alle Jobs, in denen man überzeugen, pflegen oder verhandeln muss. Die Erkennung von menschlichen Emotionen ist für Roboter immer noch eine grosse Herausforderung. Die Fähigkeit, intelligent darauf zu reagieren, ist sogar noch schwieriger zu erlernen. Das heisst, dass ein PR-Manager seinen Job eher behalten wird, als ein Tellerwäscher in einem Restaurant.»
Drittens Wahrnehmung und Manipulation: «Roboter hinken den Menschen noch weit hinterher, wenn es um die Tiefe und Bandbreite der Wahrnehmungen geht. Aufgaben, die in einer unstrukturierten Arbeitsumgebung stattfinden, werden wahrscheinlich nicht so einfach durch einen Computer ersetzt werden können. Während also ein Chirurg immer einen Job haben wird, kann ein Telefonverkäufer einfach ersetzt werden.»
«Fähigkeiten, die etwas mit Robotik, der Analyse von Big Data oder maschinellem Lernen zu tun haben, stehen vor einer aussichtsreichen Zukunft», meint Frey: «Aber ich würde nicht jedem empfehlen, Ingenieur zu werden. Auch Soft Skills und komplexe soziale Interaktionen können nicht so einfach von Robotern kopiert werden.»
Eine entscheidende Rolle wird in all diesen Szenarien die Bildung spielen. Andreas Schleicher, Direktor des Departements Bildung bei der OECD, drückt es so aus: «Vor einer Generation brachten Lehrer ihren Schülern etwas bei, das fürs ganze Leben halten sollte. Heute müssen sie ihre Schüler auf Technologien und Jobs vorbereiten, die erst noch erfunden werden.»


Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG


(Erstellt: 22. Oktober 2017)

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