Boxenstopp im Ameisenrennen

Die Persönlichkeitsentwicklung dauert von der Wiege bis zur Bahre. Entwicklung heisst Veränderung. Verändert sich die Persönlichkeit, verändern sich meist auch die Bedürfnisse und Faktoren der Arbeitszufriedenheit..

Erfolgreich ist, wer seine Fähigkeiten laufend mit den Anforderungen abstimmt.

Erfolgreich ist, wer seine Fähigkeiten laufend mit den Anforderungen abstimmt.

von Regula Zellweger


«Wir haben Jahre dafür gekämpft, wählen zu können. Und Ihr geht nicht hin.» Dieser Satz war an die Mauer bei der Zürcher Polybahn gesprayt. Er war politisch gemeint, kann aber auch auf die Laufbahngestaltung angewendet werden.
Die Arbeitswelt befindet sich infolge der Globalisierung und der Digitalisierung in stetem Wandel. Arbeitsplatzsicherheit gibt es nicht mehr. Erwerbstätige müssen Eigenverantwortung für ihre berufliche Laufbahn übernehmen. Das heisst, sich zu entscheiden, wie sie sich positionieren und wie weiterbilden wollen, um ihre Existenz zu sichern und berufliche Zufriedenheit zu erlangen und zu erhalten – immer wieder neu.


Wahlfreiheit


Wählen können ist ein Grundbedürfnis. Wer nicht wählen kann, ist fremdbestimmt und steht unter Zwang. Wählen können, entscheiden dürfen ist ein Stück Lebensqualität, ein Faktor für Lebenszufriedenheit. Wann haben Sie die Wahl getroffen, die dazu geführt hat, dass Sie beruflich genau da stehen, wo Sie jetzt sind? Bewusste Entscheidung oder «Zufall»? Schwimmen Sie mit kräftigen, gezielten Zügen durchs Leben oder lassen Sie sich willenlos spülen? Mit anderen Worten: Wer sitzt am Steuer Ihres Busses? Fahren Sie – oder werden Sie gefahren?
Man wählt aufgrund seiner persönlichen Wertehierarchie. Diese verändert sich mit zunehmendem Alter und der Situation auf dem Arbeitsmarkt. Bei 20-Jährigen stehen ganz andere Werte im Vordergrund als bei 40- oder 60-Jährigen. Wenn sich die individuellen Werte ändern, muss man vielleicht auch seine Erwerbstätigkeit verändern, um im Berufsleben glücklich zu sein. Denn Werte machen, dass wir machen, was wir machen.


Lebenskonzepte ändern sich


Die Zukunftsforschung sagt voraus, dass ältere Erwerbstätige an Bedeutung gewinnen werden. Das ist vonseiten vieler Unternehmen bisher allerdings eher ein Lippenbekenntnis geblieben. Man weiss aber bestimmt, dass die Zeit der Ausbildung länger dauern und Weiterbildung noch mehr an Bedeutung gewinnen wird.
Urs Casty, Gründer der Lehrstellenplattform Yousty.ch, formuliert es so: «In allen Lehrberufen entscheidend sind das Engagement und die Weiterbildung.» Doch wann ist es Zeit für welche Weiterbildung? Welche Kenntnisse und Fähigkeiten werden in Zukunft gefragt sein? Im Weiterbildungsdschungel profilieren sich Anbieter mit cleverem Marketing; aber ist das Bildungsangebot wirklich zukunftsweisend?


Mehr Flexibilität gefordert


Eine gradlinige Laufbahn wird in Zukunft seltener werden, und die Flexibilität der Ewerbstätigen bei der Positionierung in der Arbeitswelt wird wachsen. Auch die Rollenbilder werden neu geschrieben. Das Modell «Frau + Mutter + Karriere» hat beispielsweise viele Frauen der heutigen Mütter-Generation überfordert.
Der Trend geht von «immer mehr» zu «gesünder, intensiver, individuellen Werten folgend». Jeder wird sich mehr mit den sich wandelnden Lebenskonzepten befassen müssen, um die angestrebte Lebensqualität im Kontext der aktuellen Bildungs- und Arbeitswelt und um gelingendes Altern realisieren zu können.
Menschen entwickeln sich in Lebensspannen mit Übergängen von einer Lebensphase zur anderen. Übergangsphasen sind oft von einer Neuorientierung und damit von Unsicherheit begleitet. Da ist eine berufliche Standortbestimmung und Laufbahnplanung sinnvoll. «Wer ständig glücklich sein will, muss sich oft verändern», wusste schon Konfuzius. Das gilt ganz besonders für die Arbeitszufriedenheit.


Bewohnbare Luftschlösser


Es geht bei der Laufbahngestaltung nicht nur um eigene Bedürfnisse und Träume – Luftschlösser soll man auch bewohnen können. Es geht auch um die Anpassung an die sich verändernde Arbeitswelt. Reinhard Schmid, S&B
Institut, Autor und Berufs- und Laufbahnberater, plädiert für «Lifelong Guidance»: Berufstätige sind auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich, wenn ihre Fähigkeiten und Neigungen mit den Anforderungen ihres Berufes übereinstimmen. Eine regelmässige Überprüfung der Arbeitsmarktfähigkeit gehört dazu.» Denn der Arbeitsmarkt verändert sich bekanntlich immer rasanter.
Arbeitszufriedenheit ist ein relevanter Teil der Lebenszufriedenheit. Bei der Definition der individuellen Lebenszufriedenheit spielen Faktoren wie Werte und Haltungen, soziale Vernetzung, Gesundheit, Familiensituation, Interessen und Lebensstil eine Rolle. All diese Faktoren sind der Veränderung unterworfen.


Laufbahn bewusst gestalten


Viele fühlen sich von diesem komplexen, immer wiederkehrenden Prozess der Positionierung in der Arbeitswelt überfordert. Deshalb steht heute der Begriff «Lifelong Guidance» in Fachkreisen der Berufs- und Laufbahnberatung zur Diskussion. Es ist sinnvoll, im beruflichen Ameisenrennen regelmässig einen Boxenstopp einzulegen, um eine Standortbestimmung und Laufbahnplanung vorzunehmen und neu zu entscheiden, wie man sich beruflich positionieren und weiterbilden will.
Gelingt ein Laufbahngestaltungsprozess reibungslos und wird ein lohnenswertes, erreichbares Ziel definiert, bricht man voller Zuversicht zu neuen Ufern auf. Ist man damit überfordert, diesen Prozess in eigener Regie zu gestalten, dann ist eine Beratung bei einem diplomierten Laufbahnberater oder Psychologen hilfreich. Denn es wäre traurig, sich im Pensionsalter auf die eigene Berufstätigkeit zurückzubesinnen und bedauernd zu sagen: «Hätte ich doch rechtzeitig…»


Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG


(Erstellt: 20. Oktober 2017)

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