Erleben, dass Arbeit Spass macht

Berufswahl ist mehr als ein Puzzle von Persönlichkeit, Interessen und offenen Lehrstellen. Es ist ein Prozess, der bei der Grundeinstellung zur Arbeit beginnt. Dabei können Eltern ihre Kinder positiv beeinflussen.

Wer vor der Berufswahl steht, kann nur zwischen Dingen wählen, die er kennt. Eine Schnupperlehre kann unter Umständen weiterhelfen.

Wer vor der Berufswahl steht, kann nur zwischen Dingen wählen, die er kennt. Eine Schnupperlehre kann unter Umständen weiterhelfen.

von Regula Zellweger


«Das wirkliche Leben findet in den Ferien und nach Feierabend statt.» «Schon wieder Montag!» «Mein Chef ist mühsam.» Solche und ähnliche Aussagen von Eltern prägen die Grundeinstellung zur Arbeit vom frühen Kindheitsalter an. Haben die Eltern ein negatives Verhältnis zur Arbeit, sehen sie sie ausschliesslich als notwendiges Übel, muss man sich nicht wundern, wenn Kinder diese Haltung übernehmen, Arbeit als negativ empfinden und keine Lust haben, einen Beruf zu wählen.


Der Ausdruck «Work-Life-Balance» impliziert, dass man zwischen Leben und Arbeit unterscheidet, Leben ist positiv, Arbeit negativ. Die Waagschale hängt schief, wenn man zu viel arbeitet. Aber: Arbeit ist Leben.


Berufe erleben lassen


Wählen kann man zwischen Dingen, die man kennt. Gute Wahlmöglichkeiten haben Jugendliche, wenn sie verschiedene Berufswelten kennen. Und das heisst nicht, sich ausschliesslich mit Berufsinformationsmedien beschäftigt zu haben, sondern Berufe erlebt zu haben. Eltern fördern ihre Kinder, indem sie keine Vorentscheide treffen und ihre Vorlieben vermitteln: «Werde Jurist oder Lehrer.» Oder, schlimmer noch: «Werde nie Buchhalter wie ich!»


Die zweite Aussage verstärkt die negative Einstellung zu Arbeit, und mit Recht fragt sich ein intelligenter junger Mensch: «Warum bleibt er Buchhalter, wenn er es nicht will?» Damit ist unbewusst ein negatives Bild von Arbeit vermittelt. Kinder sollten erleben, dass Arbeit Spass machen kann, dass Arbeit ein wichtiger Faktor für die Identität ist, dass Arbeit nicht nur fordert, sondern auch fördert, und dass die Arbeit sich direkt auf den Lebensstandard, den Lebensstil und das soziale Umfeld auswirkt.


Kleine Kinder lernen mit Bilderbüchern spielend Berufe kennen. Auf die Kleinkindfrage: «Was macht die Frau?» kann man die Tätigkeit beschreiben und den Beruf nennen: «Sie fährt einen Lastwagen. Sie ist Lastwagenführerin.» Ab Kindergartenalter sollen Kinder Bezugspersonen oder Freunde und Bekannte zur Arbeit begleiten dürfen. Bei einer Baustelle kann man beispielsweise stehen bleiben statt vorbeizueilen, kann beobachten, was da gearbeitet wird. Die meisten Kinder interessieren sich brennend für Baustellen, Bagger und Kräne. Ein Besuch beim Arzt, in der Bank oder in einem Hotel kann Berufsinformationen beinhalten, die Kinder mit grosser Selbstverständlichkeit aufnehmen und, wenn es sie beeindruckt, speichern.


Mit allen Sinnen


Es geht darum, differenziert Berufswelten wahrzunehmen. Im Blumenladen kann man die feinen Düfte schnuppern, auf die Farben und Formen hinweisen und auf die Freude, die Blumen bereiten. Aber auch realisieren, dass es im Laden kühl ist und die Floristinnen oft Faserpelzjacken tragen. Oder Kinder dürfen berechnen, wie viele Schritte ein Kellner in einem Gartenrestaurant macht. Dabei geht es auch um den Respekt und die Wertschätzung, die man Berufsleuten entgegen bringt.


Kinder haben Traumberufe wie Astronaut oder Filmstar. Diese soll man nicht belächeln, sondern genauso ernst nehmen, wie wenn ein Kind Lehrer wie der Vater oder Banker wie die Mutter werden will. Dass Kinder oft ähnliche Berufe wählen wie die Eltern, ist erklärbar: Talente vererben sich.


Lebenslanger Prozess


Der Berufswahlprozess dauert ein Leben lang. Mit der Persönlichkeitsentwicklung verändern sich die Werte und mit ihnen die Berufswünsche. In der Lebensmitte ist ein Wertewandel zu beobachten. Deshalb orientieren sich heute viele Leute um 40 beruflich neu. Diese Phase fällt oft in die Berufswahlphase ihrer Kinder. Idealerweise nehmen Kinder ihre Berufswahl parallel zu einer beruflichen Standortbestimmung und Laufbahnplanungsphase der Eltern vor.


Reinhard Schmid, Geschäftsführer des S&B Institutes und Autor von Arbeitsinstrumenten für Jugendliche und Eltern, bestätigt: «Die Berufswahlphase beginnt spätestens beim Beginn der Oberstufe oder nach dem Eintritt ins Langzeitgymnasium. Psychologisch betrachtet finde ich dies den idealen Zeitpunkt, weil sowohl die Jugendlichen als auch ihre Eltern in eine neue Bildungsphase, in einen neuen Lebensabschnitt treten und so zusammen mit der Schule diesen Entscheidungsprozess behutsam begleiten können.»


«Eltern tragen die Hauptverantwortung für die Berufs- und Studienwahl ihrer Kinder», sagt Schmid, «auch wenn die Schulen und Berufsberatungen den Entscheidungsprozess mit ihren Angeboten mitunterstützen.» Er sieht die Berufswahl als Familienprojekt. Da die Berufswahlphase mit der Pubertät und der Ablösung der Kinder von ihren Eltern zusammenfällt, sei es sinnvoll, dass sich Eltern und Jugendliche Unterstützung holen, wenn es nicht reibungslos läuft.


Externe Hilfe


In den Schulen werden die Jugendlichen bei der Berufswahl und beim Schnuppern unterstützt. Die meisten Jugendlichen besuchen die Berufsberatung mit der Schule, sie können sich auch direkt bei der Berufsberatungsstelle ihrer Wohnregion für eine individuelle Beratung anmelden. Kantonale Berufsberatungsstellen unterstützen Jugendliche bei der Lehrstellensuche, organisieren Berufswahlanlässe und informieren über Brückenangebote, wenn es mit der Lehrstellensuche nicht klappt.


Jugendliche nervt die stereotype Frage: «Hast Du eine Lehrstelle?» Damit werden sie unter Druck gesetzt und ergreifen manchmal einen Beruf, damit die Fragerei aufhört. Druck führt zu Widerstand – es lohnt sich, jungen Menschen Zeit zu lassen und Vertrauen in sie zu setzen. Druck auszuüben, damit ein Jugendlicher die «richtige» Lösung findet, ist unangebracht. Wer weiss heute schon, wie sich eine Entscheidung langfristig auswirkt? Jugendliche und Erwachsene sollen ausprobieren und sich neu orientieren und entscheiden dürfen. Immer wieder.


Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG


Weiterführende Informationen:
berufsberatung.ch


(Erstellt: 5. September 2017)

Top Weiterbildungsanbieter

Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait