«Respekt und Wertschätzung sind die Basis»

Ob Jugendliche eine Lehre beenden oder nicht, hängt unter anderem von den Lernerfahrungen im Betrieb ab. Bildungsexpertin Gabrielle Leisi kennt die Hintergründe.

Interview: Monika Bachmann


Frau Leisi, Sie bilden Berufsbildungsverantwortliche aus. Welches ist die wichtigste Kompetenz, die Sie vermitteln?


Gabrielle Leisi: Die Reflexionsfähigkeit ist in der Berufsbildung absolut zentral. Wer Lernende begleitet, sollte sich seiner eigenen Werte und Einstellungen bewusst sein.


Warum?


Berufsbildungsverantwortliche sind meist mit Lernenden in Kontakt, die einer anderen Generation angehören und in einem anderen Kontext aufgewachsen sind. Es treffen somit unterschiedliche Vorstellungen und Werte aufeinander. In dieser Situation ist es für Lehrpersonen wichtig, die eigenen Einstellungen zu kennen, denn diese beeinflussen ihr Ausbildungsverhalten.


Was macht einen guten Berufsbildner aus?


Er ist nicht nur fachlich kompetent, sondern auch an der Beziehung mit den Lernenden interessiert. Er glaubt an sie und traut ihnen etwas zu, ohne sie zu bevormunden. In der Adoleszenz machen Jugendliche grosse Entwicklungsschritte und erleben gefühlmässige Höhen und Tiefen. Während dieser Zeit sind sie auf Menschen angewiesen, die an sie glauben.


In welcher Beziehung stehen Lernende zu ihren Vorgesetzten?


Hierarchisch betrachtet ist es ein Abhängigkeitsverhältnis, denn die Lernenden werden von den Berufsbildenden beurteilt.


Welche Qualität sollte diese Beziehung haben?


Respekt und Wertschätzung sind die Basis. Die Verantwortlichen sollten vor allem die Ressourcen und das Potenzial der Lernenden im Auge haben. Auch Authentizität finde ich wichtig: Eine strenge Ausbildnerin ist keine schlechte Ausbildnerin solange die Haltung stimmt und sich die Lernenden darauf verlassen können.


Darf ein Berufsbildner auch zum Freund werden?


Das finde ich eher problematisch. Sicher befinden sich Jugendliche manchmal in instabilen Phasen und sind deshalb dankbar für ein offenes Ohr. Das gilt besonders für Lernende, die im Elternhaus oder unter Gleichaltrigen nicht den nötigen Halt finden. Berufsbildner sind jedoch aufgefordert, sich ihrer Rolle bewusst zu sein und klare Grenzen zu ziehen. Sie sind weder Ersatzeltern noch Freund oder Partnerin.


Beeinflusst das Lehrverhältnis den Verlauf der Lehre?


Ich denke schon – und verweise gerne auf die Studien von Professor John Hattie («Visible Learning – Lernen sichtbar machen», Anm. der Redaktion). Sie belegen, dass die Lehrperson einen entscheidenden Einfluss auf den Lernerfolg hat. Viele Jugendliche haben im Lauf der Lehre einmal eine Krise und denken über einen Abbruch nach. Wer im Betrieb integriert ist und zuverlässig begleitet wird, schliesst die Ausbildung dennoch ab.


Trotzdem kommt es immer wieder zu Abbrüchen.


Die Statistik 2016 des Mittelschul- und Berufsbildungsamts des Kantons Zürich besagt, dass rund ein Viertel aller Lehrvertragsauflösungen auf einen Konflikt zwischen den Parteien zurückzuführen ist. Solche Konflikte sollten möglichst einvernehmlich gelöst werden, denn der erfolgreiche Abschluss der Grundbildung ist für Jugendliche das Ticket zum Berufsleben.


Angenommen es handelt sich um einen positiven Fall: Was kann bewirkt werden?


Junge Menschen haben die Möglichkeit, auf eine positive Art in der Arbeitswelt anzukommen. Wenn sie im Lehrbetrieb Orientierung und Struktur erhalten, lernen sie, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Diese Selbstwirksamkeit befähigt sie dazu, sich erfolgreich in der Berufswelt zu bewegen.


Wie sieht es im schlechten Fall aus?


Es besteht die Gefahr, dass Lernende ihr Potenzial nicht entfalten können und Arbeitseinstellungen entwickeln, die sie später behindern. Das Engagement, die Freude und die Identifikation leiden darunter.


Mit welcher Haltung sollten Lernende unterwegs sein?


Von ihnen ist Lernwille und Offenheit gefragt, denn sie betreten eine neue Welt und müssen sich mit den Regeln von Erwachsenen auseinandersetzen. Das gelingt manchmal gut. Es gibt aber auch Lernende, die Dinge ausprobieren oder Situationen ausreizen. Das heisst noch lange nicht, dass sie schlecht sind. Entscheidend ist viel mehr, dass sie die Grenzen akzeptieren und an ihren Kompetenzen arbeiten.


Und wie lernen sie das?


Sie brauchen Rollen-Vorbilder, die sie Schritt für Schritt durch den Ausbildungsprozess begleiten. Wenn man den Lernenden die Lösung einfach vorgibt, entwickeln sie kein eigenständiges Denken und Handeln.


Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG


(Erstellt: 17. Juli 2017)

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