Die Zukunft der Bildung ist digital

In den letzten Jahren hat sich die Art, wie wir kommunizieren, grundlegend verändert. Die dafür verantwortliche Digitalisierung wirkt sich auch auf unser Lernen aus. Unsere Emotionen spielen dabei eine grosse Rolle.

Interview: Rahel Perrot


Herr Bergamin, wie werden wir künftig lernen?


Die Digitalisierung stellt das Bildungssystem, wie wir es bis anhin kannten, auf den Kopf. Anstatt im Frontalunterricht nur zuzuhören und zu konsumieren, werden in den neuen Lernansätzen das Selbermachen und das kreative Schaffen stärker betont. Digitale Lernsysteme können durch Big Data auf die Bedürfnisse des Einzelnen eingehen.


Dass jeder Schüler oder Student auf seine eigene Weise und in seinem Tempo lernt, ist nichts Neues…


Neu sind aber Lernformen, die sich auf das Individuum abstimmen. Stellen Sie sich vor, Ihr Computer führt Sie durch den Stoff und zeigt Ihnen, wie Sie Ihr Lernziel am effektivsten erreichen. Was sich wie Zukunftsmusik anhört, wird schon bald das selbstgesteuerte Lernen revolutionieren. Durch die Abgleichung von vorhandenem Wissen mit den Lernzielen sowie der Interpretation von Lernverhaltensweisen und -resultaten ist eine adaptive Lernumgebung in der Lage, den Lernprozess dynamisch und effizient zu gestalten.


Was genau versteht man unter einem «adaptiven» Lernsystem?


Von adaptiv spricht man, wenn ein Lernsystem die Aktivitäten, den körperlichen Zustand oder die Umgebung des Nutzers beobachten und interpretieren kann, um daraus seine Bedürfnisse oder Präferenzen abzuleiten. Das System misst beispielsweise den Lernfortschritt, erkennt das persönliche Lernverhalten und bietet dem Studierenden die für ihn optimale Strategie an. Damit übernimmt das adaptive Lernsystem eine ähnliche Rolle wie die eines menschlichen Tutors.


Lehrpersonen werden in Zukunft also von Computern abgelöst?


Keineswegs. Wir sehen Technologie und Mensch nicht als Konkurrenz. Vielmehr geht es darum, die jeweiligen Vorteile miteinander zu verbinden. So sind Lehrpersonen sicherlich intuitiver, kreativer oder flexibler, während eine Maschine immer verfügbar, schneller, präziser und neutral ist. Wir versuchen diese Fähigkeiten zu kombinieren, um das Lernen wirkungsvoller zu gestalten. Lernsysteme liefern den Lehrpersonen zudem Daten, die diese wiederum wirkungsvoll im Präsenzunterricht einsetzen können.


Wo liegen die inhaltlichen Grenzen der digitalen Lernsysteme?


Digitale Lernsysteme werden den Präsenzunterricht nicht komplett ersetzen können. Gerade für die Bildung von Sozialkompetenzen wie die Team- oder Kommunikationsfähigkeit ist es wichtig, dass sich die Teilnehmenden persönlich treffen. Auch methodische Kompetenzen, etwa Kommunikations- und Präsentationstechniken, lassen sich in der virtuellen Welt nicht so einfach erlernen.


Wie muss man sich solche adaptiven Lernsysteme technisch vorstellen?


Jeder Nutzer einer technologiebasierten Lernumgebung hinterlässt Daten. Mittels verschiedenen Analysen können wir einen Einblick in das Lernverhalten der Studierenden gewinnen. Zum Bespiel: wann lernt der Studierende bevorzugt in punkto Tageszeit, Wochentag, Tage vor der Prüfung? Auch die Anzahl von Bearbeitungen, Wiederholungen, richtig oder falsch gelösten Aufgaben oder abgebrochene Tests geben uns ein Bild. Die Interpretation dieser Daten erlaubt uns, die Studierenden besser zu unterstützen, was sich schliesslich positiv auf die Qualität des Lehrangebotes und die Motivation der Lernenden niederschlagen kann.


Gibt es hierzu bereits erste Erfahrungswerte aus der Praxis?


Ja, im Rahmen eines Pilotversuchs an der Fernfachhochschule Schweiz konnten wir erste Erkenntnisse gewinnen. Dabei teilten wir die Teilnehmenden zu Beginn anhand eines Vorwissenstest in drei Stufen ein: Novizen, Fortgeschrittene und Experten. Die Studierenden erhielten die gleichen Aufgaben, aber mit unterschiedlich detaillierten Instruktionen und Erklärungen. Hatten beispielsweise Novizen ihre mit detaillierteren Instruktionen versehenen Aufgaben erfolgreich gelöst, bekamen sie die Empfehlung, auch Aufgaben ohne diese Hilfestellungen zu lösen. Die Auswertung zeigte, dass alle Klassen vom adaptiven Lernsystem auf ihre Weise profitiert haben und ihre Aufgaben signifikant besser aufarbeiteten.


Wagen wir noch einen Blick weiter in die Zukunft. Was erwartet uns?


In zwei bis drei Jahren wird die Augmented (erweiterte) als auch die Virtual Reality sicher ein bestimmendes Thema sein. Augmented Reality meint die Überlagerung von Daten in 3D-Umgebungen. Unter Virtual Reality versteht man, dass in computergenerierten Welten realitätsnah sensorische Erfahrungen ermöglicht werden. Beide Technologien können Studierenden durch das Eintauchen in jede vorstellbare Umgebung neue Perspektiven und tiefere Lernerfahrungen bieten. In vier bis fünf Jahren werden wir zudem in der Lage sein, Emotionen beim Lernen noch besser zu integrieren (siehe Text). Das sogenannte Affective Computing wird uns schliesslich erlauben, menschliche Emotionen zu erkennen, zu interpretieren und auszuwerten. Beim Online-Lernen kann dies in Zukunft dazu eingesetzt werden, den Lernenden in seinem Lernprozess, ähnlich wie ein Tutor, besser zu unterstützen und zu motivieren.


Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG


(Erstellt: 16. Juli 2017)

Top Weiterbildungsanbieter

Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait