«Lernen ist aufwendig, soll aber auch Spass machen»

Lernen erfordert Sitzleder, Willenskraft und Zeit, sagt Kurt Reusser vom Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich. Die gute Nachricht: Die Lernfähigkeit bleibt bis ins hohe Alter erhalten.

Interview: Karin Meier


Wie lernt man Neues am besten?


Kurt Reusser: Lernen ist eine aktive geistige Tätigkeit mit dem Ziel, einen Fachbereich oder eine Sache bis in die Tiefe zu verstehen. Dabei denkt man Dinge so lange durch, verbalisiert sie und sagt sie zu sich selbst, bis sie einem klar sind und man Zusammenhänge erkennt. Auf diese Weise werden Begriffe und Wissensstrukturen als Bausteine des problemlösenden Denkens aufgebaut. Dies sind Netzwerke von Bedeutungsstrukturen, die mit der Zeit immer vielschichtiger werden und in denen wir uns schnell bewegen können. Manche dieser Wissensstrukturen entstehen im Austausch mit andern: Wir lernen von-, mit- und gegeneinander, etwa in Debatten, Diskussionen oder Prüfungsvorbereitungsgruppen. Lernende sind keine Robinsons, die nur einsam vor dem Computer oder auf dem Lesesessel sitzen. Diese Art des verstehenstiefen, individuellen und kooperativen Lernens wird auch als gehirngerechtes Lernen bezeichnet.


Beim Lernen ist jedoch nicht nur Verstehen gefordert, sondern auch Einprägen und Automatisieren. Gerade Fremdsprachen lernt man nicht, ohne Vokabeln zu büffeln.


Man kann nicht stricken ohne Wolle, und man kann nicht denkbeweglich sein ohne Wissensbausteine. Das heisst, es gibt in allen Disziplinen ein Grundwissen, das man sich aneignen muss. Verständnistiefes Lernen von komplexen Inhalten erfordert Bedeutungszusammenhänge mehrmals zu durchdenken , was zu zahlreichen Wiederholungen führt. Diese bewirken, dass wir uns die Dinge auch einprägen. Das reine Auswendig-Lernen hingegen ermöglicht es einem lediglich, kurzfristig einen Sachverhalt widergeben zu können. Damit dient es dem unmittelbaren Prüfungserfolg, nicht aber dem Verständnis einer Sache.


Wie zeitaufwändig ist Lernen?


Lernen als Erwerb denkbeweglicher Wissensstrukturen bedeutet, dass man sich über lange Zeit intensiv mit einer Sache auseinandersetzt. Ein Fach studieren, um darin eine Expertin oder ein Experte zu werden, heisst, sich über mehrere Jahre gründlich wie auch lustvoll auf einen Gegenstand einzulassen. Neben kognitiven Grundkompetenzen sind dazu auch Sitzleder und Willenskraft erforderlich. Oder, wie Dürrenmatt gesagt hat: Büffeln kann jeder, Verstehen braucht Zeit.


Lernen alle Menschen auf dieselbe Weise, oder gibt es Lernstrategien, die manchen mehr entsprechen als andern?


An der Idee der individuellen Lernstile ist wissenschaftlich nicht viel dran. Denn es sind für alle Menschen dieselben Dinge, die zum Lernerfolg führen: Neben Lernstrategien braucht es dazu Ausdauer und die Bereitschaft, sich anzustrengen. Weiter sind klare Ziele erforderlich sowie die Fähigkeit, den Lernprozess zu reflektieren und die Lernfortschritte zu überwachen. Der Lernerfolg bedingt überdies ein gutes Selbstmanagement: Es gilt, sich von Ablenkungen abzuschirmen und seine Zeit gut einzuteilen, was beispielsweise auch heisst, nicht zu oft in der Badi zu liegen oder mit Freunden unterwegs zu sein. Zudem muss man das Auf und Ab der Emotionen und der Motivation bewältigen, das mit dem Lernprozess einher geht: Manchmal gehen wir mit einem gesunden Selbstvertrauen an die Arbeit, das aber eine halbe Stunde später schon im Keller sein kann und wir der Überzeugung sind, wir können gar nichts. Schliesslich sollte auch das Lernumfeld stimmen: Schlaf, Ernährung und Bewegung sollten so gestaltet sein, dass wir uns wohl fühlen.


Nimmt die Lernfähigkeit mit zunehmendem Alter ab?


Kinder nehmen neue Inhalte schneller auf als ältere Erwachsene. Erwachsene lernen jedoch in Gebieten, in denen sie über ein umfangreiches, fachintelligentes Wissen verfügen, schnell dazu. Man spricht hier von fluider und kristalliner Intelligenz: Erstere ist die Fähigkeit, neue Informationen schnell zu verarbeiten. Sie geht mit dem Alter zurück. Die kristalline Intelligenz ist die Erfahrungs- und Wissensbasis, die man sich aufgebaut hat. Sie nimmt bei fortwährendem lebenslangem Lernen zu und bleibt bis ins hohe Alter stabil, sodass Menschen den Rückgang ihrer fluiden Intelligenz bis ins neunte Lebensjahrzehnt kompensieren können. Die Ansicht, dass man einem alten Hund keine neuen Kunststücke mehr beibringen kann, oder die Redewendung «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr» stimmen also nicht.


Quelle: Tages Anzeiger, Beilage «BILDUNG»


(Erstellt: 15. Juli 2017)

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