Ein Beruf, der die Zeit überdauert hat

Sattler heissen seit drei Jahren «Fachleute Leder und Textil». Im Bereich Pferdesport hat sich aber am Berufsbild nicht vieles verändert. Das Team einer Sattlerei in Bärau stellt praktisch nur Reitartikel her.

Von Sarina Keller


Die Werkstatt liegt mitten im emmentalischen Bärau – wo die Menschen einander auf der Strasse guten Tag sagen und es einem ein wenig vorkommt, als sei die Zeit stehen geblieben. Der Eindruck bleibt, wenn man durch die Tür zwischen den beiden grossen Glasscheiben tritt. Es riecht nach Leder. Die drei Menschen im Raum arbeiten mit den Händen. Oder mit Werkzeugen, die noch aus Grossvaters Zeit stammen. Auf den Böcken Pferdesättel; an den Wänden Hämmer, Ahlen, Schabwerkzeuge.

Von einem Haken hängt neues Zaumzeug, daneben ein einsamer Zuckerzwiebelkranz.
Vor einem Tisch in der Mitte der Werkstatt steht Noemi Kohler und schabt mit einem «Halbmond» genannten Werkzeug die oberste Schicht von einem Stück schwarzen Leders. So verdünnt sie dieses, damit es sich später besser vernähen lässt. Sie arbeitet sorgfältig; bei jedem Strich mit dem Werkzeug trennt sie nur feine Fasern ab.

Die 17-Jährige geht in der Sattlerei Althaus in die Lehre. Sie ist im zweiten Lehrjahr zur Fachfrau Leder und Textil. Eine relativ neue Berufsbezeichnung: Kohlers Abschlussjahrgang wird 2018 erst der dritte sein, in dessen eidgenössischem Fähigkeitszeugnis nicht mehr «Sattlerin oder Sattler» steht. Fachleute Leder und Textil werden in der Schweiz in drei Fachrichtungen ausgebildet: Pferdesport, Feinlederwaren sowie Fahrzeug und Technik.


4000 Franken für 30 Stunden


Kohlers Chef Christoph Althaus führt die Sattlerei in vierter Generation. Das Familienunternehmen ist einer der wenigen Betriebe, die sich im Kanton Bern auf den eigentlichen Ursprung des Sattler-Handwerks spezialisiert haben: Reitartikel, vor allem Pferdesättel.

Neben der Lernenden beschäftigt Althaus hier eine weitere Sattlerin. Corina Fankhauser ist gerade dabei, einen sogenannten «Keder» einzunähen – eine Lederschicht, welche die Sattelnaht später abdeckt und vor dem Aufreissen schützt. Weil Nähte von Hand besser halten als Maschinennähte, ist das «kedern» ein arbeitsintensiver Schritt, der hohe Konzentration erfordert. Zwei Stunden braucht Fankhauser dafür.

Einen Sattel herstellen, der fürs Pferd angenehm zu tragen ist und auch für den Reiter bequem – das ist ein aufwändiger Prozess, für den es viel Erfahrung braucht. «In der Ausbildung lernt man nur, Teile des Sattels herzustellen», sagt Christoph Althaus. Er selbst benötigte nach seiner Lehre fünf weitere Jahre und viel Unterstützung seines Vaters, bis er wirklich imstande war, einen guten Sattel zu fertigen. Heute braucht Althaus dafür zwischen 25 und 30 Stunden. Die Althaus-Sättel entstehen vollumfänglich in Handarbeit und kosten um die 4000 Franken.

Noemi Kohler stellt hauptsächlich Zaumzeug her; am liebsten fertigt sie Fahrgeschirr für Kutschpferde an. Während ihre Freunde etwa mit der Schule weitermachen oder in der Pflegebranche arbeiten, hat sie sich entschieden, einen nicht ganz alltäglichen Beruf zu ergreifen. Für Kohler, die passionierte Reiterin und ehemalige Ponybesitzerin, stand ihr Berufswunsch bereits in der fünften Klasse fest. «Mir gefällt das Handwerkliche am Beruf», erklärt sie, «und dass ich am Schluss das Ergebnis meiner Arbeit sehen kann.»


Vor allem Frauen


Sattlerin, oder eben Fachfrau Leder und Textil, ist ein vielseitiger Beruf. Kohler lernt während ihrer Ausbildung schrauben, nageln, nähen und kleben. Und sie arbeitet mit den verschiedensten Materialien, neben Leder etwa Holz, Metall und diverse andere Textilien. Ausbildungsplätze sind in der Schweiz eher dünn gesät. Pro Jahr bildet der Verband Leder Textil Schweiz etwa 80 Lernende aus, also rund 20 in jedem Lehrjahr. In Noemi Kohlers Klasse sind es 19. Die meisten davon werden in der Fachrichtung Fahrzeug und Technik ausgebildet. Im Bereich Feinlederwaren ist es nur eine Person und im Pferdesport sind es acht – alle sind Frauen.

Wer eine Lehre zum Sattelbauer antreten möchte, sollte gemäss Christoph Althaus diese Eigenschaften mitbringen: viel Geduld, gute mathematische Kenntnisse, Feinmotorik, räumliches Vorstellungsvermögen und ein Gefühl für Formen und Farben. Ausserdem: «Verständnis von Pferden ist bei uns quasi Voraussetzung», sagt Althaus, der selber zwei Pferde besitzt. Weil man wissen müsse, wie sich ein guter Sattel anfühlt. Auch die Kunden nähmen einen ernster, wenn man etwas von Pferden verstehe. Wer allerdings denkt, als Sattler habe man den ganzen Tag vor allem mit Pferden zu tun, hat sich geschnitten. Jene, so rät Althaus, «sollten besser einen Job lernen, bei dem sie gut verdienen, damit sie sich ein eigenes Pferd anschaffen können.»


Mehr Freizeitreiter


In Bärau und in seiner Werkstatt scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Ist sie es auch für die Sattlerei? Oder läuft sie etwa ab? Althaus, der seit über 20 Jahren in der Branche tätig ist, kann nicht klagen: «Millionär bin ich zwar noch nicht geworden. Aber das Geschäft läuft gut.» Und er sieht auch für die Zukunft nicht schwarz. Es gebe heute mehr Freizeitreiter, sagt er. «Die Bauern mussten in den letzten 20 Jahren anfangen, unternehmerisch zu denken. Und so schufen sie in ihren Ställen unter anderem Pferdeboxen, wo man heute günstig Pferde unterstellen kann.»

Auch für Noemi Kohler bleibt die Zeit nicht stehen; nächstes Jahr macht sie ihren Abschluss. Danach würde sie am liebsten im Beruf weiterarbeiten. Falls sie nicht im Lehrbetrieb bleiben darf, wird das allerdings gar nicht so einfach. «Es gibt nicht viele Sattelbauer in der Schweiz, und auch nicht viele Stellen», sagt Christoph Althaus. Deshalb müsse man bereit sein,
überall in der Schweiz zu arbeiten. Die Zeit wird zeigen, wohin es Noemi Kohler verschlägt.


Quelle: Tages Anzeiger, Beilage «Bildung»


(Erstellt: 28. März 2017)

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