Die Männer mit der Nadel

Tätowierer ist kein geschützter Titel und keine offiziell anerkannte Ausbildung. Fragt man drei Tätowierer, erhält man drei unterschiedliche Wege in den Beruf.

Von Sarina Keller


Die liegende Acht, der Kompass, der Vogelschwarm: Diese Motive sind in Thun BE derzeit besonders beliebt. Für Peter Bilang, Maik Linder und Remo Minder gehören sie mit zum täglichen Brot. Aber sie machen es nicht alleine aus: Tätowieren ist ein Kunsthandwerk, und die Arbeit an aufwändigen Motiven und Designs die Königsdisziplin. Auf letztere ist das Thuner Studio «Royal Flush Tattoo» spezialisiert.

Der Berufsstolz ist den drei Männern mit der Nadel anzumerken. Und dies nicht zu Unrecht; denn Tätowierer wird man nicht einfach so. Es ist ein weiter Weg, der neben einer gehörigen Portion Talent viel Durchhaltewillen, Eigeninitiative und Frustresistenz erfordert. Eine offiziell anerkannte Ausbildung gibt es nicht. Fragt man die Crew des «Royal Flush» nach ihrer Lehrzeit, erhält man drei unterschiedliche Geschichten; von einem Koch, einem Detailhandelsangestellten und einem Grafiker. Eines ist ihnen gemein: Alle drei haben bereits als Kinder leidenschaftlich gern gezeichnet.


Am Küchentisch angefangen


Peter «Peschä» Bilang ist der Kopf des «Royal Flush». Tätowierungen faszinieren den 37-Jährigen seit seiner Ausbildung zum Koch. Als Lehrling war er ein häufiger Gast im Studio des damals renommierten Thuner Tätowierers René Meier. «Ich habe ihm ständig Löcher in den Bauch gefragt, vor allem über die Technik», erinnert sich Bilang.

Die Faszination wurde zum Berufsziel; Bilang wollte es selbst versuchen. Er schaffte das Material an, und fing an seinem Küchentisch zu tätowieren an. 1999 stach er die erste Tätowierung – auf den eigenen Oberschenkel. Doch er merkte bald: «Ohne professionelle Anleitung komme ich nicht weit.» So musste er nicht zweimal überlegen, als René Meier ihm einen Ausbildungsplatz anbot. Während anderthalb Jahren verrichtete Bilang die klassischen Lehrlingsjobs: Aufräumen, putzen, Kaffee holen – und lernte die Kunst des Tätowierens von Grund auf.

Das Wissen aus seiner Ausbildung hat Bilang dem jüngsten Mitglied des «Royal Flush»-Teams weitergegeben, dem heute 29-Jährigen Remo Minder. Tätowierer war für diesen kein eigentliches Berufsziel, aber als Detailhandelsangestellter war er nicht glücklich. Mit 18 liess er sich seine erste Tätowierung bei Bilang stechen. Die Skizzen, die Minder dafür anfertigte, imponierten seinem zukünftigen Chef. So ergatterte sich Minder einen Ausbildungsplatz. «Als Peschä mich fragte, löste das ein Gefühlschaos aus», erinnert sich Minder: «Natürlich war es ein Lichtblick, aber ich habe es mir erst nicht zugetraut.» Zu Unrecht, wie sich herausstellte: Minder ist seit sechs Jahren Tätowierer. Gestochen hat er zuerst Kunsthaut, sich selber und Freunde, nach einem halben Jahr tätowierte er seinen ersten Kunden. Die Arbeit sei «bis heute ein stetiges Dazulernen» gewesen, blickt er zurück.


Ein steiniger Weg


Für den dritten Mann der «Royal Flush»-Crew, Maik Linder, war schon im ersten Lehrjahr als Grafiker klar, dass er Tätowierer werden wollte. Nach dem Lehrabschluss machte er sich auf die Suche nach einem Ausbildungsplatz, was sich als schwierig herausstellte: «Im Kanton Bern galt Tätowieren bis 1996 als Körperverletzung, deshalb gab es kaum Studios», sagt der 40-Jährige.

Schliesslich fand Linder dennoch einen Platz – in einem Piercingstudio. Dort lernte Linder alles über Hygiene und Handhabung der Maschine, aber nicht viel über das Tätowieren selbst. «Es war ein steiniger Weg. Ich musste mir vieles selbst beibringen», sagt Linder heute. Auch er tätowierte zuerst sich selbst, später Freunde, bald danach erste Kunden.


Vielfältig, kreativ, abwechslungsreich


Bilang, Linder und Minder sind sich einig: Sie haben einen Traumjob. Auch wenn der Beruf nicht nur Sonnenseiten hat. Die Kommerzialisierung und der Leistungsdruck machen den Jungs manchmal zu schaffen. Sie müssen sich täglich mit den Anforderungen auseinandersetzen, die sie an sich selbst stellen. «Wir geben uns nie mit dem erstbesten Resultat zufrieden.», sagt Bilang.

Immer das Beste herauszuholen ist aufwändig. Darum ist Tätowierer auch kein klassischer acht-bis-fünf-Job. Jede Tätowierung muss zuerst designt werden, wofür während der Ladenöffnungszeiten oft die Zeit fehlt. «Das Zeichnen ist am aufwändigsten», sagt Bilang, «Ich sitze oft nächte- oder sonntagelang an einem Design.»

Wer Tätowierer werden möchte, sollte darum vor allem eines können: Zeichnen. Und zukünftige Lehrlinge brauchen Geduld: Weil es keine offiziellen Ausbildungsplätze gibt, kommt man auf dem Weg zu einem solchen ums Klinkenputzen bei den Studios kaum herum. Fragt man die Crew «Royal Flush» lohnt es sich aber: Die Arbeit sei vielfältig, abwechslungsreich, kreativ und biete relativ viele Freiheiten. Darum ist für Bilang, Linder und Minder klar: einmal Tätowierer, immer Tätowierer. Wegen der kreativen Arbeit an aufwändigen Designs – aber auch wegen der liegenden Achten, Vogelschwärme und Kompasse.


Quelle: Tages Anzeiger, Beilage «Bildung»


(Erstellt: 27. März 2017)

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