Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben…

Die Medienbranche ist im Umbruch. An Journalisten und Kommunikationsfachleute werden höhere Anforderungen gestellt, und ihr Image ist beschädigt. Trotzdem haben Medien ihre Anziehungskraft nicht verloren.

Von Artur K. Vogel


Wer bösartige Zitate über Journalisten sucht, wird fündig. «Wer nichts ist, ist Journalist», sagt der Volksmund. «Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken», schrieb Karl Kraus, seines Zeichens Satiriker, Dramatiker – und Journalist. Als der spätere französische Ministerpräsident Georges Clemenceau Direktor der Zeitung «Aurore» war, liess er in den Redaktionsräumen ein Schild anbringen: «Die Herren Redakteure (Frauen gab es damals in dem Beruf noch nicht) werden gebeten, nicht eher zu gehen, als sie gekommen sind.» Seit einiger Zeit jedoch zirkuliert die definitive Schmähung, jene von der «Lügenpresse»: Angeblich haben sich Journalisten verschworen, oder sie werden von düsteren Mächten ferngesteuert, um nur noch politisch korrekte, der Obrigkeit genehme Nachrichten zu verbreiten. Unangenehme «Wahrheiten» unterdrücken sie. Populisten weltweit benutzen diese Behauptung für politische Zwecke.


Mehr Stress, weniger Stellen


Gleichzeitig erodiert die wirtschaftliche Basis: Noch in den 1980er- und 1990er-Jahren war die Herausgabe von gedruckten Zeitungen ein lukratives Geschäft. Spätestens seit der Jahrtausendwende sind massenhaft Inserenten abgewandert, vor allem ins Internet, und parallel dazu schwindet die Zahl der Abonnenten. Das hat fatale Folgen für Journalistinnen und Journalisten: Redaktionen werden systematisch ausgedünnt, was mit zunehmender Belastung für den Einzelnen verbunden ist.

Nicht nur deshalb wächst der Stress. Ein Beispiel: Als Gerichtsberichterstatter des «Tages-Anzeigers» in Zürich Anfang der 1980er-Jahre sass man mit dem Kollegen der NZZ und jenem des «Blick» im Gerichtssaal und wusste, dass deren Artikel, wie der eigene, frühestens in der Ausgabe von morgen publiziert würden. Heute kann ein Twitterer oder eine Bloggerin im Saal das Geschehen live in die Welt hinaus zwitschern. Zudem darf man, zurück auf der Redaktion, sich nicht mehr hinsetzen und das Erlebte gedanklich verarbeiten, sondern als erstes ist ein Teaser fürs Smartphone und danach ein Instant-Beitrag für die Online-Ausgabe fällig. Auf vielen Redaktionen müssen Journalisten auch Fotos liefern, da man bei Fotografen gespart hat, oder sie müssen sogar Videoclips produzieren.

Gleichzeitig stagnieren die Löhne oder sind rückläufig. In den besagten 1980er-Jahren hiess es beim «Tages-Anzeiger», ein Redaktor sollte etwa gleich viel verdienen wie ein Mittelschullehrer; heute bewegen sich die Gehälter jüngerer Kolleginnen und Kollegen eher auf Kindergarten- oder Primarschul-Niveau. (Ausnahme ist die mit Zwangsabgaben finanzierte SRG.) Freie Journalisten, die ihre Arbeit von Fall zu Fall verkaufen, Blogger und Internet-Mitarbeiter sind noch ärmer dran: Viele können keine angemessenen Einkünfte erzielen.


Ungebrochen attraktiv


Hält dies alles Junge davon ab, Berufe in den Medien zu wählen? Weit gefehlt! Die Nachfrage nach Studienplätzen in Publizistik, Medien- und Kommunikationswissenschaften der Universitäten, Hoch- und Privatschulen steigt (siehe Box). Ein Job in den Medien – Print, Radio, Fernsehen, Internet – aber auch in Kommunikationsabteilungen von Firmen und Ämtern scheint an Attraktivität zu gewinnen.

Die Zahl der Kommunikationsleute in Verwaltungen und der Wirtschaft ist in den letzten Jahren explodiert; sie entwickelt sich umgekehrt proportional zu jener der eigentlichen Journalisten, vor allem im Print. Das gibt zu denken: Heute existieren, gerade auch in Verbindung mit dem Internet und den sogenannten sozialen Medien, viel mehr Möglichkeiten zur Manipulation als früher.

Heute ist man schon frühmorgens via Handy über das Weltgeschehen informiert, und sobald man die Informations-Webseiten ansteuert, wird man mit mehr Inhalten konfrontiert, als man jemals sinnvoll einordnen kann. Dass Konsumenten auf ein breiteres Informationsangebot zurückgreifen können, hat aber auch sein Gutes. Der ehemalige Chefredaktor des Londoner «Guardian», Alan Rusbridger, meinte in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung», früher hätten traditionelle Medien allein die öffentliche Debatte bestimmt: «Inzwischen werden Medieninhalte öffentlich diskutiert und kritisiert.»


Steigende Ansprüche


Trotzdem, oder deshalb, braucht es weiterhin Journalisten, welche, ob im Print, Radio, TV oder Netz, die Nachrichtenströme überprüfen, verarbeiten und einordnen. Die Anforderungen steigen sogar. Einst mussten Berufseinsteiger vor allem bereit sein, sich fundiertes Allgemeinwissen und, wenn möglich, Spezialwissen auf einem oder mehreren Gebieten anzueignen. Ein Studium, ob in Geschichte, Germanistik, Sozialwissenschaften, Wirtschaft oder Recht, war erwünscht, aber nicht unabdingbar.
Einige bekannte Journalisten hatten zuerst handwerkliche Berufe erlernt. Willy Bretscher etwa, legendärer NZZ-Chefredaktor von 1933 bis 1967, hatte eine kaufmännische Lehre gemacht. In den Beruf wuchs man durch «Learning by doing» hinein.

Heute werden neben einem Uni-Studium auch Praktika und weiterbildende Lehrgänge erwartet. Breite gesellschaftliche, historische, wirtschaftliche und politische Interessen sind unabdingbar, auch analytische Fähigkeiten und ein Faible für Informationstechnologien. Dass man in der deutschen Sprache sattelfest sein muss, versteht sich (auch wenn die Lektüre vieler Artikel in Zeitungen und vor allem im Netz nicht unbedingt darauf schliessen lassen).
Publizistik, Medien- oder Kommunikationswissenschaft zu studieren, ist keine Garantie für einen Job. Medienwissenschaften sind sprach- und geisteswissenschaftlich orientiert, Kommunikationswissenschaften legen den Fokus mehr auf die Wechselwirkungen zwischen Massenmedien und Gesellschaft. Die Studien haben aber oft wenig Bezug zur Realität und den wirtschaftlichen Bedingungen.

Vor allem die Jungen stellten die Bedeutung des Journalismus infrage, sagt Alan Rusbridger. Ihnen müsse man, meint der frühere «Guardian»-Chef, durch Leistung beweisen, «wie wichtig wir sind (…), indem wir Artikel produzieren, die bedeutend sind, die etwas auslösen». Rusbridger will nicht aufgeben: «Die heutige Zeit mag für Journalisten und Reporter komplizierter geworden sein, aber ich bin ziemlich optimistisch, dass sie für die Meinungsfreiheit positiv ist.»


Quelle: Tages Anzeiger, Beilage «Bildung»


Weiterführende Informationen:
www.maz.ch


(Erstellt: 25. März 2017)

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