«Menschen hören und verstehen»

Sei es der Zank zwischen Nachbarn oder der klassische Rosenkrieg bei einer Scheidung: Die moderne Art, diese Probleme aus der Welt zu schaffen, heisst Mediation. Mediatorin Andrea Staubli berichtet über ihre Erfahrungen.

Interview: Andreas Weidmann


Frau Staubli, Literatur und Kurse zu Selbstmanagement- und Selbst­optimierung boomen. Sind da Vermittlerinnen wie Sie überhaupt noch gefragt?


Andrea Staubli: Und ob! Konflikte gehören zum Alltag, zum Menschsein. Und nicht immer können wir sie ohne fremde Hilfe bewältigen. Die Mediation bietet ein Angebot in Fällen, in denen die Konfliktparteien sagen: Wir wollen eine Lösung finden, die für beide stimmt, und die Angelegenheit nicht an die Autorität des Richters delegieren.


Die Mediatorin ist keine Autorität?


Die Mediatorin ist nicht für den Inhalt einer Vereinbarung verantwortlich und entscheidet nicht. Wir versuchen, Parteien so zu begleiten, dass sie selber Lösungen finden. Ich sorge für einen respektvollen Umgang im Gespräch, mit klaren Spielregeln: Etwa, dass man sich gegenseitig ausreden lässt. Wichtig ist es auch, dass die Mediatorin die richtigen Fragen stellt und so einen Prozess zur Lösungsfindung einleiten kann.


Welche Streitigkeiten führen Menschen zu Ihnen?


Scheidungen, Nachbarschaftskonflikte und Familienangelegenheiten wie Erbschaftsstreitigkeiten sind die häufigsten Gründe. Aber es gibt auch andere Felder, wo Mediation immer wichtiger wird. Dazu zählen Streitigkeiten zwischen Eltern und Lehrern oder Schulleitungen. Bei grossen Sanierungen von Wohnüberbauungen wird heute oft von Beginn weg ein Baumediator beigezogen, der zwischen Bauherrschaft und Mietern vermittelt. Projekte mit zahlreichen Akteuren sind oft sehr konfliktträchtig.


Vor Ihrer Tätigkeit als Mediatorin waren Sie Gerichtspräsidentin – weshalb der Wechsel?


Ich habe entdeckt, welche Vorteile die Mediation für Konfliktparteien bieten kann gegenüber dem engen Rahmen eines Prozesses.


Was kann denn die Mediatorin besser als die Richterin?


Viele Menschen möchten einfach einen Streit lösen und wieder «Ruhe und Frieden haben». Als Mediatorin kann ich diesem Anliegen Raum geben, die Parteien darin bestärken, dass sie miteinander zu einem Ergebnis kommen, das allen Seiten langfristig etwas bringt. Oftmals geht es einfach auch darum, dass Menschen gehört und verstanden werden.


Wie geschieht das?


Als Mediatorin kann ich verdeckte Aspekte eines Konflikts aufgreifen, die im engen Korsett einer Gerichtsverhandlung gar keine Rolle spielen dürfen. Dabei geht es oft um Wünsche und Emotionen der Konfliktparteien. Der Unterschied zum Gerichtsverfahren lässt sich gut am Eisbergmodell aufzeigen: Eine Richterin beurteilt nur die sichtbaren, justiziablen Aspekte, also konkrete Rechtsbegehren, etwa nach Schadenersatz. Wir können tiefer schürfen und mit den Parteien auch die unterschwelligen Motive und Interessen aufdecken.


Ein Beispiel bitte!


Ich erinnere mich an einen Fall, in dem ein Mann wegen des störenden Schattenwurfs kurzerhand den kränkelnden Baum an der Grenze zum Grundstück seines Nachbarn gefällt hatte. Der Nachbar fiel aus allen Wolken, klagte und forderte 5000 Franken Schadenersatz. Der Fall landete bei mir als Richterin. An der Verhandlung wurde klar, dass der Geschädigte, ein älterer Herr, den Baum vor langer Zeit gemeinsam mit seinem inzwischen verstorbenen Grossvater gepflanzt hatte. Der Baum war ein wichtiges Symbol der Erinnerung für den Mann...


... dessen Verlust mit 5000 Franken nicht wirklich aufzuwiegen ist?


Genau. Ich regte eine Mediation zwischen den Parteien an. Darin konnten sie ihren Gefühlen mehr Raum geben, und es war eine nachhaltigere Lösung möglich als mit einem Urteil: Es ging um gegenseitiges Verständnis, das Gehörtwerden, ein Entschuldigung. Schliesslich konnten die Parteien ihr nachbarschaftliches Verhältnis neu definieren und deutlich verbessern. Der Baumfäller entschuldigte sich, sein Nachbar liess die Geldforderung fallen.


Und wo sind die Grenzen der Mediation?


In der Mediation geht es um Offenheit und Transparenz. Die Menschen müssen gewillt sein, Verantwortung wahrzunehmen und an einer gemeinsamen Lösung zu arbeiten. Wenn eine Partei sich nicht wirklich auf die Mediation einlassen will, nicht alle Karten auf den Tisch legt und einseitig auf ihren Vorteil bedacht ist, wird eine Mediation schwierig.


Wie hoch ist der Anteil der Streithähne, die nach einer Mediation in Frieden von dannen geht?


Die Erfolgsquote liegt laut einer Umfrage unseres Dachverbands bei 70 bis 80 Prozent.


Welche Rolle spielt es für den Erfolg einer Mediation, ob sich die Parteien freiwillig zu dazu entschieden haben, oder ob sie vom Richter geschickt wurden?


Natürlich ist gut, wenn die Parteien von sich aus motiviert sind. Richter dürften Parteien bei familienrechtlichen Streitigkeiten um die Kinderbelange zu einer Mediation verpflichten. Das ist so auch sinnvoll, da solche Konflikte oft gar nicht justiziabel sind.


Welche Persönlichkeit muss jemand mitbringen, um erfolgreich als Mediatorin vermitteln zu können?


Wichtig ist ein positives Menschenbild, der Wille zum Empowerment: Ein Mediator muss Menschen bestärken können, gemeinsam einen Konflikt zu lösen. Wichtig ist es auch, den Medianden Wertschätzung entgegenzubringen, sie so anzunehmen, wie sie sind.


Als Mediatorin dürfen Sie nicht Schiedsrichterin sein. Wie oft ertappen Sie sich dabei, dass Sie, zumindest innerlich, für eine Seite Partei ergreifen?


Das kommt vor. Kürzlich hatte ich einen Nachbarschaftsstreit, in dem es um die Pflege eines Gartenwegs ging. Die eine Partei war der Meinung, der Weg müsse wöchentlich geputzt und gejätet sowie monatlich mit dem Kärcher behandelt werden. Ich dachte mir «Oh, der ist aber pingelig». Der Mann hat sich danach beklagt, ich sei wohl nicht unparteiisch, obwohl ich seine Äusserung verbal gar nicht qualifiziert hatte. Vielleicht habe ich aber nur die Stirn gerunzelt bei seiner Äusserung – sowas merkt jemand ganz schnell.


Was heisst das für Ihre Arbeit?


Selbstreflexion ist wichtig. Man muss immer wieder überprüfen, ob man noch neutral und allen Parteien gleichermassen verpflichtet ist.


Wie lange dauert eine durchschnittliche Mediation?


67 Prozent der Mediationen werden innert drei Monaten abgeschlossen. Bei Scheidungen dauern sie oft ein halbes Jahr oder länger.


Sie verrechnen einen Tarif von 200 Franken pro Stunde. Das kann teuer werden!


Natürlich ist unsere Dienstleistung nicht gratis – aber jahrelanges Prozessieren auch nicht. Streitigkeiten, die lange nicht gelöst werden, können zudem Folgekosten nach sich ziehen, etwa wenn jemand wegen der privaten psychologischen Belastung bei der Arbeit seine Leistung nicht mehr bringen kann. Dann wird aus einem privaten rasch ein gesellschaftliches Problem.


Quelle: Tages Anzeiger, Beilage «Bildung»


Weiterführende Informationen:
www.swiss-mediators.org


(Erstellt: 6. Oktober 2016)

Top Weiterbildungsanbieter

Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait
Zum Anbieterportrait

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.