Auf dem Handwerk aufbauen

Immer mehr Handwerksberufe verschwinden. Wer will noch Metzger oder Strassenbauer werden? Doch Lebensmittel und Verkehrswege brauchen wir auch in Zukunft. Und nicht alle Arbeiten können von Robotern übernommen werden.

Von Regula Zellweger


Wer erinnert sich nicht an Schulbücher, die vom Beruf des Bauern, Schmiedes und Bäckers berichteten? Heile Welten, in denen man ein Leben lang einen einzigen Beruf ausübte. Hingegen hatte man kaum Wahlmöglichkeiten: wie der Vater so der Sohn, lebenslänglich.


Der Lebensberuf ist gestorben. Heute ist die Arbeitswelt komplex, und Prognosen müssen laufend korrigiert werden. Berufsbezeichnungen und berufliche Funktionen tauchen auf und verschwinden wieder. Die bunte Welt der Berufe ist ein Dschungel. Sich darin zurechtzufinden, fällt selbst Spezialisten nicht leicht.


Auf sich selber hören


«Das fehlende Wissen um Berufe ist hier nicht das Kernproblem», widerspricht Thomas Eichenberger, Geschäftsführer von «ask! – Beratungsdienste für Ausbildung und Beruf Aargau»: «Informationen sind genügend und in guter Qualität vorhanden, und sie werden auch gut vermittelt. Dass junge Menschen sich nicht für gewisse Handwerksberufe begeistern lassen, hat andere Gründe:


• Wer junge Menschen lehrt, dass alles möglich und erreichbar sei, wenn man nur richtig wolle, darf nicht überrascht sein, wenn sie sich nicht mit Alternativen zweiter Wahl beschäftigen.


• Wer junge Menschen lehrt, dass die Anforderungen der Wirtschaft laufend steigen, dass sie auf ewig Lernende seien in dieser Arbeitswelt, und dass der Aufstieg in die höchste Bildungsstufe für alle das Ziel sein müsse, darf sich nicht wundern, wenn sie sich hohe Ziele setzen.»


Erfolg wird von der Gesellschaft nicht über handwerkliche und womöglich schmutzige Arbeit definiert. Schon gar nicht, wenn sie draussen und bei jeder Witterung stattfindet.


«Wir müssen die jungen Menschen wieder lehren, auf sich selber zu hören, sie Berufswelten hautnah erleben lassen, sie realitätsnah informieren und sie beim Entscheiden umsichtig begleiten», plädiert Eichenberger.


Berufseinstieg als Sprungbrett


Heute wird der Berufseinstieg als Sprungbrett verstanden – nicht als Entscheidung fürs Leben. Damit verliert der Lehrberuf in seiner Spezialisierung an Bedeutung. Denn aus einem einzigen Berufsabschluss heraus können unzählige Laufbahnen gestaltet werden, die letztlich oft nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Beruf zu tun haben. Das heisst, dass Berufe und Funktionen – genau so wie früher der Postkutscher oder der Schriftsetzer – verschwinden, dass sich diese Berufsleute aber weiter entwickeln. Damals wurden sie beispielsweise Taxichauffeure oder Polygrafen. Heute sind diese Rhythmen härter und schneller geworden.


Dass Handwerksberufe verschwinden, heisst längst nicht, dass der Bedarf an Qualitäten und Kompetenzen, die Handwerker auszeichnen, nicht mehr vorhanden wäre. Ganz im Gegenteil. Sie werden sich aber im Lauf einer lebenslangen Berufslaufbahn in unterschiedlichen Kontexten anwenden lassen, sich weiter entwickeln und sich den technischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen anpassen müssen. Handwerk hat nicht goldenen Boden, Handwerk ist ein goldener Boden, auf dem man gut aufbauen kann.


Quelle: Tages Anzeiger, Beilage «Bildung»


Weiterführende Informationen:
www.berufsberatung.ch


(Erstellt: 5. Oktober 2016)

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