Die Hundeflüsterin

Gloria Isler ist diplomierte tierpsychologische Beraterin. Als solche ist die 58-jährige Zugerin Verhaltenstherapeutin – für Tiere ebenso wie manchmal auch für Menschen.

Von Sarina Keller


Monikas 2½-jährige Mischlingshündin Niña, halb Border Collie, halb Labrador, ist im Wald ausgerissen und einem Reh hinterhergejagt. Monika hat sich deshalb an Gloria Isler gewandt. Wir treffen uns auf dem Parkplatz des Bootshafens in Zug: Die Tierpsychologin mit ihrer eigenen Hündin Diva, Monika mit Partner Kai, Sohn Denis (7½ Monate) und Hündin Niña.


Die meisten von Gloria Islers Kunden sind Frauen. Laut der Zugerin haben diese die Tendenz, zu lieb zu sein und Tiere wie Kinder zu behandeln. «Männer verhalten sich da oft anders: Sie sind dominanter in Auftreten, Sprache und Körpersprache.»


Wir betreten die Hafenpromenade. Monika ist selbstsicher in ihrer Rolle als Leittier von Niña: sie führt ihre Hand vor deren Schnauze und schnippt mit den Fingern. Wenn die Aufmerksamkeit des Tiers nachlässt, holt sie sich diese mit Hilfe von Geräuschen zurück. In Monikas Jackentasche steckt eine grosse Tüte mit Wurststückchen, von denen sie Niña gelegentlich eins zuwirft.


Gloria Isler erklärt, dass Monika beim Tier so eine Konzentrationsphase einleitet, damit sie mit der Arbeit beginnen können. Während des Termins, der knapp eine Stunde dauern wird, muss Niña verschiedene kleine Arbeitseinheiten absolvieren, dazwischen Entspannung oder Spiele. «Ich arbeite ausschliesslich mit Belohnungen», sagt die Tierpsychologin.


Ein Wort, ein Klick


Isler fragt Monika nach ihrem «Klickwort». Dieses setzt sie bei der Arbeit mit Hunden als akustisches Signal ein. «Das Wort ist idealerweise eines, welches man im Alltag sonst nicht verwendet.» Man spricht es aus und gibt dem Tier direkt danach ein Leckerli. So verbindet das Tier das Wort mit Angenehmem. Monikas Wort ist «prima».


Wir überqueren einen schmalen Grünstreifen auf der Promenade. Isler deutet den Weg entlang, da vorne habe es Enten und Rehe. Wie wird Niña darauf reagieren nach dem Vorfall im Wald? Doch Niña ist jetzt völlig auf ihr Frauchen fixiert: Während der ersten Übung muss das Tier auf Kommando sitzen, was es jedes Mal unverzüglich tut. Wenn die Hündin den Blickkontakt mit Monika sucht, sagt diese «prima» und belohnt Niña mit einem Leckerli.


Die Tierpsychologin meint: «Hunde brauchen ein Alphatier. Wenn Niña den Blickkontakt mit Monika sucht, holt sie sich deren Bestätigung, unterwirft sich also. Belohnungen sind eine gute Methode, dem Tier Konzentration beizubringen.»


In extremen Härtefällen könne sie zwar manchmal eine Bestrafung nachvollziehen, doch «eine körperliche Bestrafung wirkt grundsätzlich zu spät, zu hart oder mit zu viel Emotion auf den Hund ein», sagt Gloria Isler. Schläge seien genauso ein No-Go, wie den Hund zu vermenschlichen, ihn vegan zu ernähren oder den ganzen Tag allein zu Hause zu lassen. «Hunde sind Rudeltiere mit anspruchsvollen Gehirnwindungen. Sie brauchen Gesellschaft und klare Strukturen.


Jetzt muss Niña «bei Fuss» laufen, Monika lässt sie ab und zu die Seite wechseln, lobt und belohnt die Hündin. Es klappt bestens, Niña gehorcht aufs Wort. Das Rehgehege ist in Sichtweite, aber es scheint nicht wahrscheinlich, dass sich das Tier durch das Wild aus der Ruhe bringen lässt.


Die Hierarchie testen


Wie es sich herausstellt, rechnet auch Gloria Isler nicht wirklich damit, dass Niña beim Anblick der Rehe eine Reaktion zeigen wird: «Nur Beute, die wegrennt, weckt den Jagdinstinkt des Hundes». Und sie glaubt zu wissen, warum die Hündin im Wald ausgerissen ist: «Auf Spaziergängen ist der Kinderwagen dabei, das Kind hat Priorität, die Aufmerksamkeit gegenüber dem Tier lässt nach.» Das habe Niña gemerkt: «Hunde testen die Hierarchie. Sie fordern das Leittier heraus. Aber man darf nicht aufgeben, sonst gewinnt das Tier und wird es immer wieder versuchen.»


Wie erwartet, passieren wir das Rehgehege ohne Zwischenfall. Niña läuft bei Fuss an den eingezäunten Tieren vorbei und würdigt sie kaum eines Blickes.


Erfüllende Tätigkeit


Kurze Zeit später erreichen wir die Fährenanlegestelle Bahnhofsteg, wo die Promenade endet und wir umkehren. Auf dem Rückweg gehen wir auf der anderen Seite des Grünstreifens, näher am Wasser. Die Enten und Schwäne interessieren Niña deutlich mehr als die Rehe. Trotz der Ablenkung muss sich die Hündin setzen. Und erneut begreift Niña schnell, was von ihr verlangt wird. Gloria Isler ist zufrieden. Bei Niña sei ein solider Grundgehorsam vorhanden, und es gelte nun, diesen erneut zu festigen. «Monika muss sich wieder etwas mehr Zeit nehmen, um alleine mit Niña spazieren zu gehen. Mehr als ein paar Wochen Arbeit wird es aber nicht brauchen.»


Wir setzen uns ins Hafenrestaurant. Gloria Isler hat jetzt Feierabend. Sie sinniert: «Manchmal fühle ich mich fast mehr als Psychologin für Menschen als für Tiere.» Doch der Beruf sei dankbar: «Konnte ich jemandem helfen, ist dessen Freude darüber der schönste Lohn .»


Gloria Isler arbeitet seit 2008 als tierpsychologische Beraterin, spezialisiert auf Pferde, Hunde und Katzen. Ihre Ausbildung hat sie am Institut für angewandte Ethologie und Tierpsychologie (I.E.T.) absolviert. Zuvor studierte sie Soziologie und Ethnologie. Isler ist Revisorin und Mitglied von V.I.E.T.A., dem Berufsverband tierpsychologischer Beraterinnen und Berater.


Quelle: Tages Anzeiger, Beilage «Bildung»


Weiterführende Informationen:
www.animalsense.ch


(Erstellt: 4. Oktober 2016)

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