Wunschzettel für das Gesundheitswesen

Der Bundesrat will seine Gesundheitspolitik neu ausrichten. Ob das bis 2020 gelingen wird, ist noch nicht absehbar. Klar ist aber, dass die Berufsbildung auch im Zürcher Gesundheitswesen ausgebaut wird.

von Michael Hug


Ohne ausländische Angestellte könnten die Spitäler in der Schweiz ihre Türen schliessen. Daran hat sich dank einer grossen Ausbildungsoffensive zwar einiges geändert, aber entspannt hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt noch lange nicht. Seit 2013 müssen die Listenspitäler des Kantons Zürich entsprechend ihrer Grösse eine festgelegte Anzahl von Ausbildungsplätzen für nichtuniversitäre Gesundheitsberufe anbieten. Eine solche Ausbildungsverpflichtung sollen künftig auch die Heime und Spitex-Institutionen eingehen. Die entsprechende Verordnung will die Gesundheitsdirektion bereits diesen Winter in Kraft setzen.


Diese Vorstösse in den Kantonen sind eingebettet in eine gesamtheitliche Gesundheitsstrategie des Bundesrates. Sie wurde verabschiedet, als in vielen Kantonen bereits Bemühungen für die Behebung der Personalengpässe im Gange waren. Dabei geht es aber nicht nur um die Rekrutierung von Fachleuten – auch wenn dieses Thema weit vorne auf der Prioritätenliste steht.


«Gesundheit 2020», wie das Projekt heisst, umfasst vier grosse Themenbereiche, 12 strategische Ziele, 36 Massnahmen und rund 80 einzelne Projekte. Es reicht von einer Demenzstrategie über das elektronische Patientendossier, die neue Positionierung der Apotheken bis hin zu Gesundheitsabkommen mit der EU. Einzelne Detailprojekte wie die Einführung einkommensabhängiger Krankenkassen-Franchisen wurden wegen politischer Aussichtslosigkeit gestrichen. Andere sind neu dazu gekommen. Aber insgesamt ist das Programm in der 2013 beschlossenen Form auf dem Weg.


Politische Stolpersteine


Über weite Strecken liest sich die Strategie eher wie ein Wunschzettel als wie eine Handlungsanweisung für die Zukunft. Da werden Konzepte erarbeitet und Studien in Auftrag gegeben. «Wenn wir eine Strategie ausarbeiten, ist das anders als in der Privatwirtschaft», sagt Stefan Spycher, Vizedirektor des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Sein Direktionsbereich Gesundheitspolitik hat «Gesundheit 2020» entworfen; operativ umgesetzt wird das Programm von allen Bereichen des Bundesamtes.


Auch wenn sich noch nicht abschätzen lässt, ob die Ziele bis 2020 auch tatsächlich erreicht werden, ist Spycher aufgrund der bereits erfolgten Schritte optimistisch. Allerdings gibt er zu bedenken, dass der Erfolg auch von kantonalen Behörden und dem eidgenössischen Parlament abhängig ist.


Neue Unis für Medizinstudium


Auch auf Bundesebene sind im Bereich Ausbildung etliche Massnahmen getroffen worden. Brandaktuell sind zurzeit die zusätzlichen Anstrengungen für die Ausbildung von Hausärztinnen und Hausärzten, für die der Bundesrat bereits zusätzliche hundert Millionen Franken bewilligt hat. Neben den Universitäten, die bereits heute über eine medizinische Fakultät verfügen, bewerben sich auch St. Gallen, Luzern, das Tessin und die ETH Zürich um die Ausbildung von Grundversorgern. Der Entscheid fällt demnächst; die zusätzlichen Ausbildungsplätze stehen ab Herbst 2017 zur Verfügung.


Wer jetzt die Matura absolviert, hat bessere Aussichten auf ein Medizinstudium. Während die Schweiz 2011 noch 800 Humanmediziner ausbildete, sollen es künftig 1300 jährlich werden.


Allerdings dauert die Arztausbildung 12 Jahre. Die zusätzlichen Hausärzte werden also erst ab Ende der 2020er-Jahre zur Verfügung stehen. Etwas schneller geht es bei den Gesundheitsberufen. Für sie wurde im Rahmen der Strategie 2020 ein neues Gesetz erarbeitet, das voraussichtlich 2019 in Kraft tritt und die beruflichen Standards regelt. Stefan Spycher betont, das Gesetz führe nicht zu einer Akademisierung, sondern fülle bestehende Lücken und differenziere die unterschiedlichen Berufsbilder.


Zweite Offensive geplant


Obwohl zahlreiche Kantone wie Bern und Zürich die Zahl der Ausbildungsplätze für Gesundheitsberufe bereits deutlich erhöht haben, ist die Abhängigkeit von ausländischen Fachleuten in der Gesundheitsbranche nach wie vor gross. «Es reicht noch nicht. Wir brauchen eine weitere Offensive», sagt Stefan Spycher. Die Vorbereitungen sind bereits im Gang. Das Angebot an Gesundheitspersonal sei zwar grösser geworden, sagt Spycher, aber die Nachfrage wachse noch stärker.


Allerdings liegt das Problem nicht nur beim mangelnden Nachwuchs, sondern auch an der hohen Zahl von Berufsaussteigern. Das grösste Potenzial liegt in Personalerhaltungsmassnahmen – und insbesondere bei der Erleichterung des Wiedereinstiegs nach einer Kinderpause.


Erwähnenswert ist vor diesem Hintergrund ein Projekt des Kantons Zürich, der gemeinsam mit der Organisation der Arbeitswelt Gesundheit (OdAG) auch Späteinsteiger für Gesundheitsberufe rekrutieren will. 2014 wurde ein Fonds geschaffen, welcher ältere Berufseinsteiger mit familiären Verpflichtungen finanziell unterstützt, weil sie mit den Praktikumslöhnen während der Ausbildung nicht über die Runden kämen.


Wieder erwachtes Interesse


Fest steht, dass die Anstrengungen im Bereich der Pflegeberufe nicht nur zusätzliche Berufsleute gebracht haben, sondern dass auch eine Aufwertung des Berufsbildes zu beobachten ist. Dass sich wieder vermehrt junge Leute für die Gesundheitsbranche interessieren, führt das Bundesamt für Gesundheit darauf zurück, dass diese Berufe gezielt attraktiviert wurden. So wurden Kitas gefördert, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern, die Planbarkeit der Arbeitszeiten wurde erhöht, und die Profile der einzelnen Gesundheitsberufe wurden geschärft.


«Zum Glück», sagt Stefan Sycher, «hat die Branche gemerkt, dass sie aus eigener Initiative etwas verändern muss.»


HEIKLES POLITISCHES TERRAIN


Die Balance zwischen Bund und Kantonen ist heikles politisches Terrain, weil die Gesundheitspolitik zu jenen Bereichen gehört, in denen die Kantone nach wie vor hohe Autonomie geniessen. Der Kanton Bern etwa betont, die bundesrätliche Strategie 2020 legitimiere die eigenen Massnahmenpläne «zusätzlich». Aber grundsätzlich, so Danny Heilbronn, Leiter der Abteilung Gesundheitsberufe beim Spitalamt, habe der Kanton Bern mit dem Spitalversorgungsgesetz ein eigenes Instrument geschaffen, um die Versorgungsziele beim Gesundheitspersonal zu definieren und daraus Massnahmen abzuleiten. So würden etwa an der Berner Ausbildungsmesse BAM jährlich rund 8'000 Schülerinnen und Schüler an einem Stand über die 14 nichtuniversitären Gesundheitsberufe informiert, und an einem kantonalen Tag der Gesundheitsberufe öffneten acht Spitäler ihre Türen.


Auch in Zürich betont der Sprecher der Gesundheitsdirektion, die nationale Strategie könne als «Taktgeber dienen» und die Kräfte bündeln. Gleichzeitig weist Daniel Winter darauf hin, dass insbesondere die Förderung der Pflegeberufe und die Schaffung zusätzlicher Studienplätze für Mediziner auch zu den offiziellen Legislaturzielen des Regierungsrates gehörten. Zudem präsidiert der Zürcher Regierungsrat Thomas Heiniger derzeit die schweizerische Konferenz der Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK), das wohl wichtigste Gremium der eidgenössischen Gesundheitspolitik.


Quelle: Tages Anzeiger, Beilage «Bildung»


(Erstellt: 27. August 2016)

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