«Die Matura ist keine Garantie»

Auch die Berufslehre öffnet die Tür zur Uni. Trotzdem wollen die Eltern ihre Kinder lieber im Gymnasium haben. Warum das so ist, erklärt die Bildungsforscherin Margrit Stamm.

Interview: Irmgard Lehmann


In den letzten 50 Jahren hat sich das Bildungssystem massiv gewandelt. War für Mädchen in den 1960er-Jahren höchstens das Lehrerinnenseminar eine Option, ist heute das Gymnasium so beliebt wie nie. Rund 75'000 Jugendliche oder etwa ein Fünftel besuchen eine Maturitätsschule. Die Berufslehre hat stark an Attraktivität eingebüsst. Zu Unrecht, sagt Professorin Margrit Stamm.


Frau Stamm, wo liegen die Gründe für den Bildungsboom?
Margrit Stamm: Dem Trend liegt die Bildungsexpansion der 1970er Jahre zugrunde. Überall wurden Gymnasien eröffnet. Das Gymi war nun auch Arbeiterkindern offen. Auch ich war eines. 2003 hat die Pisa-Studie einen weiteren Bildungsboom ausgelöst. Die Tatsache, dass die Schweiz wider Erwarten nicht an der Spitze der internationalen Rangliste stand, provozierte eine Bildungsdiskussion.


Eltern wurden nun in den Schulalltag mit einbezogen. Eine positive Entwicklung?
Ja. Eltern haben gemerkt wie wichtig Bildung ist. Sie wurden aber auch verantwortlich gemacht, für ihre Kinder. Für jene, die gut rauskommen und für jene, die scheitern.


Rund jeder fünfte Jugendliche macht die Matura – zu viele?
Nein. Aber leider bestimmen heute nicht Leistung und Fähigkeit den Zugang, sondern die soziale Herkunft. Akademiker tun alles, damit ihre Kinder ins Gymnasium kommen. Ich bedauere sehr, dass im akademischen Milieu die Berufslehre so gering geschätzt wird. Denn die Matura ist keine Garantie für ein erfolgreiches Leben.


Oft geht das nur mit Nachhilfestunden.
Tatsächlich. Durchschnittlich erhalten 40 Prozent der Siebtklässler Nachhilfeunterricht. Und wenn es dann immer noch nicht klappt, gibt es noch die Privatschulen, wo überforderte Kinder geschliffen werden sollen. Zudem fangen 15 Prozent der Maturanden gar nicht erst ein Studium an. 20 Prozent brechen es ab oder wechseln x-mal das Fach.


Das Gymi wird zu hoch bewertet?
Der Bildungsweg via Berufslehre wird massiv unterschätzt. Nach einer Schreinerlehre mit Berufsmatura zum Beispiel kann ein Jugendlicher die Fachhochschule besuchen und Architekt werden. Ein nächster Schritt ist die Passerelle, welche die Türen zur Uni oder ETH öffnet. Die Durchlässigkeit ist hervorragend. Mit der Berufslehre haben auch Spätzünder die Chance, den akademischen Weg zu gehen. Etwa 15 Prozent machen eine Berufsmatura.


Doch aus 230 Berufen auszuwählen, ist ja auch nicht gerade leicht?
Und viele sind nicht «sexy» genug. Wie etwa die Lehre als Strassenbauer, welche der Sohn einer Bekannten kürzlich angefangen hat. Da muss er ab und zu auch auf der Autobahn bei Belagsarbeiten schwitzen.


Welche Lehren sind im Trend?
Bei den Frauen alles, was mit weissem Kittel zu tun hat, z. B. Arztgehilfin oder Pflegefachfrau. Und bei den Männern alles rund ums Auto. Metzger, Bäcker, Maurer hingegen finden kaum Lehrlinge. Und dabei gibt es jedes Jahr rund 16'000 Jugendliche, die keine Lehrstelle finden und im Übergangssystem landen. Noch vor 10 Jahren hatten wir einen Lehrstellenmangel, heute einen Lehrlingsmangel.


Was kann man machen?
Eltern müssen besser informiert werden. Sie sind die heimlichen Meinungsmacher, weil sie laut einer Studie von Markus Neuenschwander bereits in der 4. Klasse entscheiden, ob ihr Kind die Matura oder eine Berufslehre machen soll. Aber auch die Lehrkräfte müssten die Berufslehre besser verkaufen.


Wie wäre es mit einer Potenzial­analyse beim Berufsberater?
Ja, aber für alle. Berufsberatungen könnten dann besser auf anderes als nur gute Schulnoten schauen, vor allem auch auf die Interessen. Die Tochter einer Berufskollegin beispielsweise hatte sehr gute Schulnoten und hat dann drei Schnupperlehren gemacht. Entschieden hat sie sich für technische Zeichnerin.


Wie war das in Ihrer Familie?
Ich bin in meiner Herkunftsfamilie die einzige mit Matura, alle anderen haben eine Berufslehre gemacht.


Dr. Margrit Stamm(65) war an der Uni Freiburg Professorin der Erziehungswissen­schaften. Seit drei Jahren leitet sie das Swiss Institute für Educational Issues in Bern. Stamm ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und wohnt im Aargau.


Quelle: Tages Anzeiger, Beilage «Bildung»


Weiterführende Informationen:
www.margritstamm.ch


(Erstellt: 26. August 2016)

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