Ein Lagerhaus voller Englischprüfungen

Der erste Cambridge-Englischtest fand 1913 statt. Bestanden hat ihn niemand. Jährlich legen zehntausende Schweizer ein Cambridge-Examen ab. Vor, während und nach der Prüfung gelten strengste Sicherheitsvorkehrungen.

Von Gianna Blum


Wenn es um die Sicherheit geht, nehmen es die Verantwortlichen der Cambridge-Englischprüfungen ernst: «Security matters», Sicherheit ist wichtig, wie es Hugh Moss, operationeller Verantwortlicher bei Cambridge English Assessment, ausdrückt. Schon bei den mündlichen Prüfungen reicht es nicht, einfach eine ID vorzuweisen. Um ganz sicher zu gehen, dass der Prüfling auch die Person ist, die er vorgibt zu sein, wird am Empfang jeweils das Tablet gezückt und ein Foto gemacht. Ähnlich sieht es bei den schriftlichen Prüfungen aus. Wer in der Schweiz ein Englisch-Diplom erlangen will, wird höchstwahrscheinlich den Test computerisiert ablegen.


Strenge Regeln


Cambridge-Vorgaben regeln die Ausgestaltung der Prüfung bis ins Detail. Die Tische müssen einen bestimmten Abstand haben. Es darf nichts auf dem Tisch liegen – auch keine Flasche Wasser. Wer zwischendurch auf die Toilette geht, muss mit Begleitung rechnen.


Hugh Moss hat früher selber Sprachprüfungen entworfen, bevor er die operationelle Verantwortung übernahm, welche auch die Sicherheitsvorkehrungen umfasst. «Für die strengen Regeln gibt es gute Gründe», sagt er. In manchen Fällen – etwa für einen längeren Aufenthalt in Australien – gibt es ein Visum nur nach Vorlage eines Sprachdiploms. In anderen – Kanada, England und den USA – ist ein Diplom Voraussetzung für die Zulassung zu einer Universität, ohne die keine Studienvisa zu haben sind.


Die strengen Auflagen bei den Prüfungen selbst sind aber nur das Ende einer langen Reihe von Schritten, bei denen die Sicherheit ebenfalls eine grosse Rolle spielt. 1913 wurde die allererste Cambridge Sprachprüfung durchgeführt. Damals dauerte sie noch volle 13 Stunden, die Summe erfolgreicher Kandidaten betrug genau null. Die heutigen Diplomprüfungen sehen natürlich anders aus. Jährlich legen über fünf Millionen Menschen in 130 Ländern eines der diversen Examen ab, in der Schweiz mehrere zehntausend. Das ist, pro Kopf gesehen, weltweit eine der höchsten Raten.


Schweiz auf Platz 17


Dass in der Schweiz verhältnissmässig viele Prüfungen abgelegt werden, hat auch mit deren breiter Anerkennung bis auf Bundesebene zu tun. Seit 2003 sind zudem die KV-Schulen einer der Hauptpartner der Cambridge-Organisation. Wer in der Schweiz eine KV-Prüfung ablegt, kann seine Englischkenntnisse mit einem Cambridge-Diplom belegen und ist dann von den üblichen Englischprüfungen befreit.


Weltweit liegen die Schweizer bei der erreichten Punktzahl der Cambridge-Prüfungen auf Platz 17; angeführt wird die Liste von Estland und Schweden. Die Fehler, die Schweizer und deutsche Prüflinge machen, ähneln sich grösstenteils, sagt Elena Louicellier, Verantwortliche für die Auswertung in Westeuropa. Bei einzelnen häufigen Fehlern ist dagegen klar der Schweizer Hintergrund erkennbar: Etwa dass das englische Wort «department» häufig falsch als «departement» geschrieben wird.


Zwei Jahre Tüfteln


Bis ein Examen von den Fragestellungen bis zum Druck fertig ist, tüftelt eine Reihe von Expertinnen und Experten bis zu zwei Jahren daran herum. Wenn die Prüfungsfragen entworfen sind, gibt es Vorprüfungen, bei denen getestet wird, wie zielführend für das jeweilige Niveau die Fragen sind.


Danach geht die Entwicklung weiter: Kann eine Frage auch mit einem anderen Ausdruck beantwortet werden? Und sind die Tests unabhängig von der Kultur? Gerade letzteres sei wichtig, erklärt Hugh Moss, denn das könnte bestimmten Prüflingen natürlich einen Vorteil verschaffen: Jemand aus Indien wird beispielsweise weniger Mühe haben, einen Essay über Cricket zu schreiben als ein Schweizer oder eine Schweizerin.


Die Cambridge-Prüfungen müssen aber nicht nur entworfen werden, sondern natürlich auch gedruckt, verschickt und korrigiert. Das alles geschieht im Lagerhaus DC-10, eine Viertelstunde Fahrt ausserhalb der Universitätsstadt Cambridge. Lagerhaus trifft wortwörtlich zu, werden doch hier auch die Unterlagen der Millionen Menschen aufbewahrt, die jährlich einen der diversen angebotenen Sprachtests absolvieren.


Sicherheit gross geschrieben


Egal wo auf der Welt eine Cambridge-Prüfung abgelegt wird, die Unterlagen werden in DC-10 produziert. Damit von hier keine Prüfungsfragen an die Öffentlichkeit dringen, sind die Sicherheitsvorkehrungen hoch. Wer etwa das Canon-Druckzentrum innerhalb von DC-10 besuchen will, muss eine Vertraulichkeitserklärung unterschreiben. Und auch wer im Postverteilzentrum Pakete stapelt muss sich den Sicherheitsvorkehrungen anpassen.


Quelle: Tages Anzeiger, Beilage «Bildung»


Weiterführende Informationen:
www.cambridgeenglish.org/ch/de/


(Erstellt: 24. August 2016)

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